NEWS

Brancheninterview: Andreas Endters (Voith)


Voith Paper ist ein weltweit agierender Full-Line-Anbieter für die Papierindustrie und deckt von der Stoffaufbereitung bis zum Schneiden der Papierrollen die gesamte Prozesskette für alle Papiersorten ab. Schon 1859 stieg Voith mit einem Holzschleifer in die industrielle Papierherstellung aus Holzfasern ein. Aus diesen Anfängen ging ein Technologiekonzern mit über 19.000 Mitarbeitern weltweit hervor. Davon arbeiten rund 6.600 im Papierbereich.


Herr Endters, ihren Ursprung nahm die Voith Group in der Papierindustrie. Welche Bedeutung hat die Papiersparte heute?

Andreas Endters: Nach Anfängen als Reparaturwerkstatt für Maschinen lokaler Papierhersteller entwickelte Johann Matthäus Voith 1859 erste Holzschleifer für die industrielle Papierherstellung; bald darauf auch Wasserturbinen, weil damals jede Papierfabrik Wasserkraft nutzte. Bis heute ist der Papiermaschinenbau eine tragende Säule der Voith Group. Wir haben nach dem Markteinbruch bei den graphischen Papieren unsere Hausaufgaben gemacht: Kapazitäten angepasst, unsere globale Präsenz gestärkt und unser Portfolio geschärft und ausgebaut. Zudem treiben wir die Digitalisierung konsequent voran.

Wo stehen Sie heute? Gibt es Wachstumstreiber?

Endters: Voith Paper beschäftigt heute rund 6.600 Mitarbeiter. Unser Umsatz lag im Geschäftsjahr 2017/18 bei 1,75 Mrd. Euro und unsere F&E-Quote liegt bei 4,5 Prozent. Wir sind auf die Erfolgsspur zurückgekehrt. Solides Wachstum sehen wir im Bereich der Hygienepapiere. Der Markt hat ein Jahresvolumen von 37 Mio. Tonnen und wächst jährlich um 3,5 Prozent. Auch unsere Maschinen für Karton- und Verpackungspapiere sind sehr gefragt. Viele Hersteller rüsten Maschinen, mit denen sie bisher graphische Papiere erzeugten, auf Verpackungspapiere um. Bei Spezialpapieren, darunter Sicherheitspapiere für Banknoten, war die Entwicklung zuletzt ebenfalls positiv.

Voith Paper präsentiert sich als Full-Line-Anbieter. Was genau heißt das?

Endters: Unser Portfolio beginnt mit dem Förderband, auf dem die Zellstoff- und Altpapierballen aufgesetzt werden, geht mit der Auflösung und Aufbereitung weiter und endet am Rollenschneider, der die Mutterrolle in kleinere Rollen teilt. Wir liefern Maschinen, Ersatz- und Verschleißteile und bieten zudem komplette Automatisierungslösungen sowie umfassenden Service inklusive Prozess- und Produktivitätsberatung. Dieses Angebot ist gefragt, denn moderne Papieranlagen sind hochkomplex. Sie haben mehr Steuer- und Regelkreise als ein Jumbojet. Angesichts dieser Komplexität begrüßen es viele Kunden, dass sie bei uns alles aus einer Hand bekommen. Hinzu kommt, dass wir dank der abgestimmten Produkte und Schnittstellen schnelle und effiziente Inbetriebnahmen realisieren.

Wie verändert sich die Stoffaufbereitung, wenn der Altpapieranteil steigt?

Endters: Das ist in der Tat eine Herausforderung, auf die wir mit unserer neuen Maschinengeneration der BlueLine-Familie passende Antworten geben. Denn die Faserqualität nimmt mit jedem Recyclingdurchgang ab, was die Festigkeit der Papiere beeinträchtigt: Die Gefahr teurer Abrisse in der Papierherstellung steigt. Dem beugen wir mit intelligenter, datenbasierter und rundum sensorüberwachter Prozessführung vor. Hinzu kommt stark reduzierter Energieverbrauch unserer XcelLine-Papiermaschinen. Unsere Maschinen setzen auch bei Faserverlusten und beim Wasserverbrauch Maßstäbe. So werden wir demnächst eine Anlage mit geschlossenem Wasserkreislauf realisiert. Sie bereitet Abwasser wieder und wieder auf und speist es in den Prozess ein. Für Papierhersteller lohnt sich das. Wenn sie die Kosten für Energie und Wasser auf ein Minimum reduzieren und günstigeres Altpapier verarbeiten können, haben sie klare Wettbewerbsvorteile.

Die Digitalisierung ist mehrfach angeklungen. Was heißt Papermaking 4.0?

Endters: Papermaking 4.0 ist ein Begriff, den Voith Paper geprägt hat. Es gibt zwei Ebenen. Einerseits die internen Prozesse: Wir sind dabei, alle Schnittstellen zu Kunden, Partnern und zwischen unseren Abteilungen mit digitalen Plattformen und Prozessen zu vereinfachen. So kaufen unsere Kunden Ersatzteile heute bequem im übersichtlichen Webshop mit Bestell- und Preishistorie. Die zweite Ebene ist die Papierherstellung. Papiermaschinen sind kapitalintensiv. Kunden erwarten zurecht höchste Verfügbarkeit. Papermaking 4.0 hilft Anlagenzustände zu überwachen und verstehen oder Stillstände für Wartungen und Reparaturen genauer zu planen. Zugleich lässt sich damit die Effizienz steigern. Steuerungs- und Regelsysteme liefern im Sekundenabstand zehntausende Daten, die es zu nutzen gilt.

Spielen Artificial Intelligence oder Virtual Reality dabei schon eine Rolle?

Endters: Wir haben eigene Spezialisten, arbeiten mit unserem Konzernbereich Digital Ventures zusammen und haben Partner, mit denen wir im Bereich der künstlichen Intelligenz kooperieren. Gemeinsam optimieren wir Algorithmen für das datenbasierte Papermaking 4.0. Dabei ist das Knowhow unserer Verfahrens- und Maschinenbauingenieure gefragt. Sie sind in der Entwicklung der digitalen Tools unverzichtbar, weil nur sie wissen, worauf es in einer vollautomatisierten Papierherstellung ankommt. Augmented Reality nutzen wir, um Servicekräfte zu trainieren und sie bei komplexen Reparaturen zu unterstützen. Mit Datenbrillen oder Tablets können sie in Anlagen hineinzoomen und sich vor Ort von Experten aus unserer Zentrale anleiten lassen. Faszinierend ist auch eine Anwendung im Bereich Virtual Reality: Kunden können ihre individuelle Anlage erkunden und Mitarbeiter darin trainieren lassen, bevor sie gebaut ist. Das wirkt sich konkret auf die Produktivität in der Startphase nach der Inbetriebnahme aus. Gerade unsere jungen Mitarbeiter lieben die Arbeit mit digitalen Tools!

Wie helfen virtuelle Sensoren in dieser 4.0-Prozesswelt?

Endters: In unseren Maschinen arbeiten extrem viele Sensoren, die regelmäßig gewartet und kalibriert werden müssen. Teils sind Werte gefragt, für die es keine reale Sensorik gibt. Hier entwickeln wir virtuelle Sensoren, die benötigte Werte mit passenden Algorithmen indirekt aus anderen Prozessdaten herleiten.

Sie treiben hohen Aufwand für Papier, das manche Zeitgenossen als Relikt einer endenden Epoche sehen. Was antworten Sie darauf?

Endters: Papier hat Zukunft! Es ist ein nachhaltiges Produkt, eignet sich bestens für die Kreislaufwirtschaft, besteht aus nachwachsenden Rohstoffen und bei der Herstellung wird der ökologische Footprint immer kleiner. Denn die Industrie hat die Energie-, Wasser- und Rohstoffkosten im Visier. Gerade junge Menschen erkennen die Vorteile des Papiers gegenüber Alternativen auf fossiler Basis. Und auch bei Konsumgüterherstellern und Retailern gehen viele Türen auf. Es wird nun beispielsweise darauf ankommen, Polyethylenbeschichtungen von Bechern und Verpackungen durch biobasierte kompostierbare Barriere-Schichten zu ersetzen.  

Abschlussfrage: Wie stellen Sie sich Voith Paper im Jahr 2030 vor?

Endters: Noch digitaler! Wir haben heute in Heidenheim eine Versuchsanlage, in der wir Prozesse wie das De-Inking, die Auflösung, Flotation, Eindickung oder die Entwässerung mit beliebig verschaltbaren Aggregaten weiterentwickeln. Solche Versuche können wir 2030 möglicherweise schon auf virtuellen Anlagen fahren. Wir arbeiten an digitalen Zwillingen von Papierherstellungsanlagen. Dank immer genaueren Datenmodellen liefern sie immer realistischere Werte für den Betrieb echter Anlagen. Konsequente Digitalisierung birgt enorme Kostenpotentiale. Wir sind entschlossen, sie im Sinne unserer Kunden zu heben.

Bildquelle: Voith

sbr / 05.03.2019