DRUCKSPIEGEL-BLOG


von Stefan Breitenfeld

30.03.2022

VDMA, Modellfabrik

„Die Vision einer klimaneutralen Papierproduktion“

Plänen, Lösungen und Herausforderungen auf dem Weg zur Bioökonomie: Was kann die Branche dazu beitragen? Peter Bekaert, Geschäftsführer der Modellfabrik Papier gGmbH, erörtert im VDMA-Interview die Strategien und konkreten Ansätze für den Einstieg in die Bioökonomie.

Mit welchen Technologien unterstützen Sie die Transformation hin zu einer kreislaufbasierten Bioökonomie?

Man könnte sagen, dass wir bereits heute Teil der Bioökonomie sind. Potentiale für die Papierindustrie im Sinne der Nachhaltigkeit und biobasierter Produkte sehen wir insbesondere beim Thema CO2-Einsparung, Erschließung neuer nachwachsender oder biobasierter Rohstoffe sowie der Minimierung des Wasserverbrauchs. Wir haben erkannt, dass wir dies am besten gemeinsam mit anderen Stakeholdern angehen und vorwettbewerblich die Basis für neue bahnbrechende Technologien schaffen. Mit der Gründung der Modellfabrik Papier durch 15 Unternehmen aus der Papier- und Papierzulieferindustrie im Dezember 2020 wird eine gemeinnützige, vorwettbewerbliche Forschungsinfrastruktur geschaffen. Sie gibt der Papierindustrie die Möglichkeit, im Rahmen eines offenen Innovationsnetzwerkes, disruptiv an der Vision einer klimaneutralen Papierproduktion zu arbeiten. Die Modellfabrik Papier hat sich als Ziel gesetzt, 80 Prozent des spezifischen Energieverbrauchs in der Papierfertigung zu reduzieren und damit bis 2045 eine klimaneutrale Papierherstellung zu realisieren. Ansatzpunkte ergeben sich in allen Phasen der Papierproduktion: Von den Rohstoffen und Additiven über die Herstellungsprozesse bis hin zur Wiedernutzung von Reststoffen und Energie.

Eine wichtige Rolle spielt die Sektorenkopplung in der Energieversorgung und in der Reststoffverwertung sowie die Rohstoffverfügbarkeit. Die Papierfertigung ist mit einer Recyclingquote von 79 Prozent bereits eine gut funktionierende Kreislaufwirtschaft. Aber um die gesteckten Ziele in Sachen Nachhaltigkeit zu erreichen, braucht es grundlegend innovative Verfahren. Entsprechende Technologien werden in der Modellfabrik Papier erforscht. Dabei zeichnen sich Ansatzpunkte wie das Konzept einer wasserfreien Papierfertigung ab.

Was sind Ihrer Meinung nach aktuell die technischen Hürden zur effizienteren, ressourcenschonenderen Verarbeitung in Ihrem Segment?

In unserer Forschung sehen wir ein Grundverständnis der Wechselwirkungen zwischen Fasern einerseits und andererseits zwischen Fasern und anderen Medien als elementar an. Dieses Verständnis gilt es zu generieren, um zukünftige grundlegende neue Fertigungsmethoden zu entwickeln. Gleichzeitig steht die Entwicklung neuer Trocknungsverfahren an, die deutlich weniger Energie benötigen, um das Wasser aus der Papierbahn zu entfernen. Berücksichtigung findet außerdem der zukünftig erwartbar höhere Wettbewerb, um den Rohstoff Holz und die Erschließung von anderen Rohstoffen. Zugleich gilt es ohne in Wettbewerb mit anderen Industrien wie beispielsweise der Lebensmittelindustrie bezüglich Flächennutzung zu geraten und gleichzeitig die hohe Recyclingquote von 79 Prozent aufrechtzuerhalten.

Was sind die größten Herausforderungen für Ihre Kunden aus der Industrie und wie kann der Maschinenbau dabei helfen?

Die größte Herausforderung wird der politische und gesellschaftliche Druck auf die Entwicklung CO2-neutraler und noch umweltschonenderer Produkte sein. Sowohl für die Entwicklung von Technologieträgern zur Forschung als auch für neue Verfahren der Papierfertigung braucht die Modellfabrik Papier Unterstützung aus dem Maschinenbau. Dafür haben wir bereits drei Partner aus dieser Industrie in unserem Gesellschafterkonsortium und freuen uns über weiteres Interesse aus dem Maschinen- und Anlagenbau.

Sind die Herausforderungen in Ihrer Branche regional unterschiedlich oder global dieselben?

Es gibt deutliche regionale Unterschiede in unserer Branche. Diese sind an erster Stelle begründet in der Verfügbarkeit und dem Einsatz von wahlweise Frischfasern oder rezyklierten Sekundärfasern. Mit der hohen Recyclingquote von Papier haben deutsche Papierhersteller zum Teil andere Interessen als die nordeuropäischen Papierhersteller mit einer hohen Verfügbarkeit von Frischfasern. Die regionale Verfügbarkeit von Energie für die energieintensive Papierindustrie spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. Andererseits sind alle Unternehmen in der Branche von gleichen äußeren Faktoren wie steigenden Energiepreisen und nationaler sowie internationaler Gesetzgebung etwa in Bezug auf CO2-Emissionen betroffen. Daher sind die Entwicklungen der Modellfabrik Papier regional im Rheinischen Revier verankert und werden auch Ausstrahlungskraft auf nationale und internationale Ebene haben.

Bis Mitte des Jahrhunderts wollen die führenden Industrienationen klimaneutral wirtschaften. Braucht es eine politische Flankierung hin zur Bioökonomie? Wenn ja, was erwarten Sie konkret von der Politik?

Innovationen und grundlegend nachhaltige Forschung brauchen eine starke politische Unterstützung. Die Signale aus der Politik sind positiv. Es gilt, einen unbürokratischen und pragmatischen Zugang zur Unterstützung zu schaffen, damit die notwendige Geschwindigkeit an Innovationen und Investitionen sichergestellt ist. Wir brauchen maximale Zuverlässigkeit bei möglichst hoher Flexibilität.

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