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LED-Technologie als Türöffner


Zeitungsverlage suchen seit jeher nach Wegen, die Nutzung ihrer Druckmaschinen über die Produktion der Printausgaben hinaus mit zusätzlichen Aufträgen auszuweiten. In diesem Zusammenhang hat sich der Verlag Nürnberger Presse gefragt, ob der Trend zur LED-UV-Technologie aus dem Akzidenzdruck eventuell auch im Zeitungssegment erfolgreich einsetzbar wäre. Um diese Frage zu klären, hat das Unternehmen seine Colorman mit einem LEDcure-System von IST Metz nachgerüstet. Wie Jens Untermeier, Leiter Rollendruck, im vorliegenden Beitrag erklärt, waren die Erfahrungen aus verschiedenen Tests so vielversprechend, dass er mit den Möglichkeiten dieser Technologie in Zukunft neue Geschäftsfelder anvisieren wird.


Die beiden Tageszeitungen ‚Nürnberger Nachrichten‘ und ‚Nürnberger Zeitung‘, die auf den Druckmaschinen des Verlags produziert werden, genießen hohe lokale Bedeutung. Daneben entsteht hier auch das Sportmagazin kicker, das unter Fußballfans bundesweit bekannt ist. Zusammen mit weiteren Periodika, die als Fremdaufträge gefertigt werden, ist die Kapazität der Druckmaschinen trotzdem nur teilweise ausgelastet.

LED-UV ermöglicht Qualitätssprung im Coldset

Für Jens Untermeier war es somit naheliegend, die bei einer IFRA-Veranstaltung geäußerte Idee aufzugreifen, mit Hilfe des Einsatzes UV-härtender Druckfarben die Anwendungsmöglichkeiten des Coldset-Verfahrens erheblich zu erweitern. Als Lieferant der entsprechenden Technik wurde der Nürtinger UV-Anbieter IST Metz angesprochen. Die Projektpartner einigten sich auf eine Testinstallation der LED-Technologie in zwei Schritten. Im Mai 2019 erfolgte die Installation des ersten Systems, so dass bereits erste Druckversuche stattfinden konnten. Mit der Integration des zweiten LEDcure-Systems Ende September können die Tests auf eine beidseitig Farbhärtung ausgeweitet werden, so dass die Druckprodukte auch kommerziell vermarktbar sind.

Aber schon die ersten mit LED-Technologie erzielten Ergebnisse sorgten intern für Aufsehen, berichtet Jens Untermeier. Die wenigsten hatten erwartet, dass sich mit einer Zeitungsdruckmaschine auf verschiedenen Hochglanzpapieren eine derart hohe Druckqualität erreichen lässt. Das hat zahlreiche Ideen entstehen lassen, welche Möglichkeiten dieser Qualitätssprung für anspruchsvolle Fremdprojekte eröffnet. Mit dem eindeutigen Schwerpunkt auf Qualität sieht sich der Verlag auch keineswegs in Konkurrenz zu Rollenoffsetdruckereien im Heatset-Segment. „Für diesen Markt“, erklärt Jens Untermeier, „wären andere wirtschaftliche Voraussetzungen nötig.“

Projekt motiviert Mitarbeiter

Bereits im Vorfeld waren sämtliche am LED-Projekt beteiligten Personen eingebunden worden, so dass alle mit den verschiedenen Aspekten der Technologie vertraut sind. Spätestens mit dem Start der Testdrucke entwickelte sich unter den Mitarbeitern eine eigene positive Dynamik. Sie gingen mit besonderer Motivation daran, die Technik so zu justieren, dass das umfangreiche Potenzial der LED-Technologie auch tatsächlich ausgeschöpft werden kann. In der Druckvorstufe bedeutete das vor allem die Anpassung von Tonwertzunahme, RIP-Kurven, etc. Im Druckbereich galt es zudem, die jeweils geeigneten Produkte zu finden, z.B. Gummitücher, Druckplatten, Farben, Feuchtmittel, Reinigungsmittel usw.

Gegenwärtig ist die Auswahl an LED-geeigneten Materialien für Zeitungsdruckmaschinen gering – das ist verständlich, schließlich gibt es hierfür derzeit keinen etablierten Abnehmerkreis. „Noch nicht“, meint Andreas Bosse, bei IST Metz für Marketing und Kommunikation verantwortlich. „Das Interesse an einem möglichen Einsatz von UV-Technologien im Coldset ist groß. Wie groß, zeigt die unglaublich schnelle Verbreitung der Information im Markt, dass in Nürnberg ein LEDcure-System installiert wurde, obwohl es bisher keine offizielle Kommunikation dazu gab. Es sieht so aus, als warte der Markt nur auf eine Initialzündung, die den Durchbruch bringt.“

In dieser Situation folgt der Verlag Nürnberger Presse dem Weg, Lieferanten aktiv in das Projekt einzubeziehen. So können die beteiligten Gummituch-Hersteller – die beide bisher keine passenden Produkte im Programm führten – praktische Erfahrungen aus den Druckversuchen in die Entwicklung spezieller Gummitücher für den Coldset einfließen lassen. Ähnlich verhält es sich bei den Druckfarben für den LED-Einsatz. Sie unterscheiden sich in ihren rheologischen Eigenschaften stark von klassischen Zeitungsdruckfarben. Somit besteht auch hier Bedarf, die Rezeptur der Farben an die vorhandene Farbwerktechnik und die damit verbundenen Anforderungen anzupassen. Auch wenn nach Einschätzung von Jens Untermeier noch viel Potenzial für Optimierungen in allen Bereichen vorhanden ist, wird trotzdem bereits das deutlich höhere Niveau bei der Druckqualität erkennbar.

Höhere Farbkraft und mehr Brillanz bei Abbildungen

Diese Qualitätsverbesserung, die für das Projekt ein enorm wichtiger Faktor ist, hat verschiedene Ursachen. Im LED-Druck lassen sich vor allem höhere Dichtewerte realisieren als im herkömmlichen Zeitungsdruck. Folglich war bei den Testdrucken eine wesentlich höhere Farbdeckung unübersehbar. Im Druckbild führt das zu kräftigeren Farben und brillanteren Abbildungen.

Das deckt sich mit den Erwartungen, so dass sich das Produktprogramm sowohl in Sachen Druckqualität als auch bei der Auswahl der Bedruckstoffe erheblich erweitert. Von Vorteil ist für den Verlag Nürnberger Presse, dass kaum Akquise von Neukunden erforderlich ist, da der Bedarf an hochwertigen Druckprodukten bei einem Großteil der bestehenden Kunden heute schon vorhanden ist. Im Segment Tourismus beispielsweise, in dem der Nürnberger Verlag einige Kunden hat, leben Publikationen von attraktiven Fotos bekannter Reiseziele. Diese Abbildungen kommen im LED-Druck bei weitem besser zur Geltung als im klassischen Coldset.

Allerdings muss sich die Lieferindustrie noch auf die Ausweitung des Angebots bei den Bedruckstoffen einstellen, wenn die verschiedenen Ideen umgesetzt werden sollen. Aktuell stellt die Suche nach speziellen Materialien wie Transparentpapier oder Etikettenmaterial noch eine Herausforderung dar, weil sie bislang nicht in geeigneter Rollenform und mit passenden Hülsengrößen verfügbar sind.

Mehrkosten für Farbe durch höhere Qualität mehr als kompensiert

Dagegen sind andere Argumente, die in der Diskussion über LED oft als Hindernis angeführt werden, für Jens Untermeier kein ernsthaftes Thema. Hierzu zählen beispielsweise die Farbkosten und die Deinkbarkeit. „Beim Thema Farbe machen viele den Fehler, nur den Kilopreis der Farbe zu vergleichen. Bei unseren bisherigen Tests haben wir jedoch festgestellt, dass der Farbverbrauch wesentlich geringer ist.“ Während beim Zeitungsdruck ein Großteil der Farbe ins Papier wegschlägt, stellt die Farbe für den LED-UV-Druck ein so genanntes 100-Prozent-System dar. Wird auf gestrichene Papierqualitäten gedruckt, liegt der Farbfilm nach der UV-Härtung komplett auf der Oberfläche. „Das ist der Grund“, so Jens Untermeier, „dass in der Praxis lediglich geringe Mehrkosten für die Farbe zu verzeichnen sind. Sie dürften nach ersten Schätzungen im einstelligen Prozentbereich liegen. Dass sich dadurch die Gesamtproduktionskosten leicht erhöhen, wird durch den großen Qualitätszuwachs mehr als kompensiert.“ Es sind weitere Testdrucke geplant, bei denen der exakte Verbrauch ermittelt wird, so dass sich die Schätzwerte noch präzisieren lassen.

Farben mit vergleichbarer Deinkbarkeit

Ein zweiter Punkt, der gerne als Gegenargument zur LED-Technologie ins Feld geführt wird, ist die Deinkbarkeit. Auf diesem Gebiet wurden in jüngster Zeit wichtige Fortschritte erzielt. So hat der Druckfarbenhersteller Siegwerk beispielsweise in einer gemeinsamen Forschungsarbeit mit dem Papierhersteller Stora Enso die Deinkbarkeit von LED-UV-Farben im Papierrecycling-Prozess untersucht. Darauf aufbauend hat Siegwerk ein Offsetfarbsystem für den LED-Druck entwickelt, das in Sachen Deinking-Eigenschaften mit konventionellen Bogenoffset-Druckfarben auf Ölbasis vergleichbar ist. Die Deinkbarkeit wurde sowohl mit schwer- und leichtgewichtigem gestrichenem Papier als auch mit ungestrichenem, aufgebessertem Zeitungspapier geprüft. Dabei kamen die INGEDE-Methode 11 und der EPRC-Scorecard zum Einsatz. Beides sind offiziell anerkannte Industriestandards für die Bestimmung und Bewertung der Deinkbarkeit.

Erfahrene Partner in Sachen LED-Technologie

Das neue Farbsystem stand im März 2019 auch im Mittelpunkt einer Informationsveranstaltung, die Siegwerk in den Räumen von IST Metz in Nürtingen durchgeführt hat. Dass der Verlag Nürnberger Presse sich für IST Metz als Projektpartner und Lieferant des LED-Systems entschied, lag nach Auskunft von Jens Untermeier insbesondere an den umfangreichen Erfahrungen, die das Unternehmen in der Druckindustrie mit allen Varianten der UV-Technologie hat. Beim Part der Druckfarbe fiel die Wahl auf die hubergroup. Sie ist seit vielen Jahren schon Hauptlieferant und verfügt ebenfalls über Erfahrungen mit LED-Druckfarben.

Knifflige Integration in Eigenregie

Viel Know-how über die Integration der LED-Technologie in eine Zeitungsdruckmaschine hat das Unternehmen selbst gesammelt. Mit sehr viel Akribie hat es sich bei der Installation des LEDcure-Systems inklusive Schaltschrank und Kühlaggregat eingebracht. Den kniffligen Einbau in das Druckwerk übernahmen die hauseigenen Techniker. Um die LED-Einheit unterzubringen, mussten die Schlosser die Druckeinheit umbauen und eigens ein spezielles Rahmengestell konstruieren. Die Elektriker übernahmen die Einrichtung der elektrischen Anschlüsse und Signalgeber zur Maschinensteuerung. Neben vielen anderen Details wurden auch die Einzugschienen so umgebaut, dass das automatische Einziehen der Papierbahn nach wie vor problemlos möglich ist. Darüber hinaus wurden auch entsprechende Abdeckungen eingepasst, um die Strahlung vorschriftsmäßig abzuschirmen.

Obwohl eine Abnahme durch die Berufsgenossenschaft in diesem Stadium nicht erforderlich war, hat das Unternehmen sie zu einer Überprüfung von Abschirmung und Einbausituation ins Haus eingeladen. Dabei unterbreiteten die technischen Aufsichtsbeamten, die mit der Anlage von IST Metz gut vertraut waren, lediglich einen detaillierten Verbesserungsvorschlag, hatten ansonsten aber keine Beanstandungen. Dafür boten sie einen erneuten Besuch an, um nach der Installation des zweiten Systems sicherheitstechnische Messungen durchzuführen.

sbr / 14.11.2019