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Interview mit Joern Kowalewski


Die macio GmbH entwickelt kundenspezifische Softwarelösungen für den Maschinen- und Gerätebau sowie die Medizintechnik. Schwerpunkte sind innovative Human Machine Interfaces (HMI), Cloudsysteme und Apps für die Industrie 4.0. Seit Gründung im Jahr 2002 wuchs macio von drei auf über 100 Mitarbeiter, vier Standorte und mehr als zehn Millionen Euro Jahresumsatz. Geschäftsführer Joern Kowalewski erklärt im VDMA-Interview, warum der Druck- und Papiermaschinenbau innovative Bedienkonzepte braucht, was für agile Entwicklungsmethoden spricht und welche Chancen Digitale Zwillinge und Augmented Reality bergen.


Herr Kowalewski, können Sie die macio GmbH kurz vorstellen?

Joern Kowalewski: Als wir 2002 gründeten, war absehbar, dass Wettbewerb in zunehmend reifen Maschinenbaumärkten nicht mehr über ein schneller, höher, präziser oder weiter erfolgt, sondern Differenzierung über die Nutzerfreundlichkeit der Maschinen, Geräte und Instrumente funktioniert. Druckmaschinen sind dafür ein sehr gutes Beispiel: Das technologische Niveau ist herstellerübergreifend so hoch, dass Druckqualität, Zuverlässigkeit oder Produktivität für die Kunden kaum unterscheidbar sind. Stattdessen steigt die Bedeutung der Nutzerführung und  Usability. Mit macio sind wir angetreten, um nutzerfreundliche Human Machine Interfaces zu konzipieren und sie vom Design bis zur Entwicklung aus einer Hand umzusetzen. Das ist bis heute unsere DNA. Davon ausgehend sind wir weiter gewachsen in Deep Embedded Software, Echtzeitsystem oder in Cloudsysteme für das Front- und Backend sowie in hoch sicherheitsrelevante Instrumente und Geräte in der Medizintechnik oder an Flughäfen. Wir sind auch dadurch so sehr gewachsen, dass wir uns spezifisches Knowhow angeeignet haben, wenn wir in Projekten an Grenzen gestoßen sind.

Inwiefern besteht bei Ihnen Verbindung zur Druck- und Papiertechnik?

Kowalewski: Mein Gründungspartner Jörg Gonnermann und ich waren beide 15 Jahre in Druckmaschinenbau und Vorstufe tätig, ehe wir macio gegründet haben. Ich habe mit der Linotype-Hell AG auf der drupa 1990 das erste funktionierende Desktop-Publishing-System vorgestellt, später Scanner-Workflowsysteme sowie Belichter-Steuerungen und Digitaldrucksysteme für Heidelberg entwickelt. Dieses Knowhow haben wir mit macio auf ein breiteres Industriespektrum angewendet. Die Druck- und Papiertechnik alleine wäre als Absatzmarkt schwierig geworden, aber wir sind in der Branche bis heute mit unseren Lösungen vertreten.

Welche Unterstützung bieten Sie Anbietern von Druck- und Papiertechnik?

Kowalewski: Am Anfang stand wie gesagt die Usability, die wir konzipieren und in stabile, zuverlässige Software gießen. Damit unterstützen wir Kunden in allen Bereichen der Prozesskette. Teils sind sie im Bogenoffset-, teils im Flexo- oder Tiefdruck tätig. Das Spektrum reicht von Gravieranlage bis Papierschneider und umfasst verschiedenste digitale und analoge Druckverfahren. Wir achten darauf, in direkt konkurrierenden Bereichen nicht für verschiedene Hersteller zu arbeiten. In über 90 Prozent der Fälle haben die Kunden eigene Entwicklungsabteilungen, die uns als ausgewiesene Spezialisten für Human-Machine-Interfaces (HMI) zu ihren Projekten hinzuziehen. Teils überlassen sie uns aber auch die komplette HMI-Entwicklung und definieren selbst nur eine Schnittstelle auf Signalebene.

Fragt die Branche innovative HMI-Lösungen nach?

Kowalewski: Durchaus. Lange fand Usability ausschließlich auf Displays an den Maschinen oder der angeschlossenen Workflowsysteme statt. Das ändert sich in den letzten Jahren. Das HMI wandert aus der Maschine heraus in den Drucksaal. Smartphones und Tablets waren anfangs Hilfsmittel, um an der Druckmaschine Störungen beheben und Wartungen durchführen zu können, ohne dafür ständig zu deren Display am Leitstand pendeln zu müssen. Mittlerweile setzen sich Smartphones auch für darüberhinausgehende Aufgaben im Betriebsablauf durch: Versorgung mit Verbrauchsmaterialien, Weiterleitung der Druckerzeugnisse, Track & Trace oder die Dokumentation. Ein wesentlicher Treiber dafür ist der Verpackungsdruck für Lebensmittel, in dem klare Regularien und Dokumentationspflichten bestehen. Das ist in der Druckindustrie sehr gut umsetzbar, weil sie schon seit 30 Jahren mit Manufacturing Execution Systemen (MES) arbeitet. Das ist in keiner anderen Branche der Fall. Diese MES-Systeme bieten genau das Daten-Backend, das wir für unsere mobilen Interfaces brauchen.

Sind innovative HMI-Lösungen nur etwas für große Player?

Kowalewski: Sie haben natürlich ihren Preis. Aber unter unseren Kunden finden sich auch kleinere Betriebe. Wer mutig genug ist, den Nutzen durchzurechnen, wird in vielen Fällen überrascht sein. Der Trend geht sogar dahin, schon bei der Stückzahl 1 auf die Usability zu achten. In Projekten, in denen wir ganze Werke und deren Produktion digitalisieren, können Kunden durchaus auf sechsstellige Return-of-Investment-Summen kommen. Denn in einer derart durchgeplanten Produktion fallen sehr viele Totzeiten weg.

Droht ein Wildwuchs an HMI-Systemen?

Kowalewski: Das sehe ich in der Druckindustrie nicht als Gefahr. Im Druckhaus ist die Druckmaschine ganz klar das Zentrum und es gibt mindestens eine völlig durchgängige Workflowstrecke. In anderen Industrien wird das Thema dagegen viele Fragen auf. Wobei die Bedienphilosophien der eingesetzten Mobile Devices letztlich die Richtung vorgeben.

Wie sieht es in der Druckbranche mit Sprach- und Gestensteuerungen aus?

Kowalewski: Die Akzeptanz ist im Fluss. Wir nutzen das ganze Arsenal der Möglichkeiten von mobile Devices, um 3D- und Barcodes zu lesen, Fotos aufzunehmen, NFC-Tags zu scannen, lokale Positionierung via Bluetooth vorzunehmen oder Darstellungen mit virtueller Information anzureichern. Doch vorab stellen wir stets die Sinnfrage. Denn es geht nicht um Spielerei, sondern um praktikable Lösungen. Sprach- und Gestensteuerung kommen im Drucksaal bisher kaum zum Einsatz – dagegen sind sie in der Medizintechnik und im Bereich barrierefreier Lösungen für Consumer-Märkte sehr gefragt. Wir können das umzusetzen. Aber der Kunde muss solche Projekte durchrechnen. Das gilt auch für die Augmented Reality (AR). Im Anlagenbau ist es eine absolute Bereicherung, Techniker am anderen Ende der Welt bei der Reparatur komplexer Anlagen anzuleiten. Da Anlagen heute ohnehin als digitale Zwillinge konzipiert werden, ist der Weg zur Augmented Reality kurz. Dagegen wird bei der alltäglichen Bedienung einer Druckmaschine niemand die AR-Brille aufsetzen. Lösungen müssen der jeweiligen Aufgabe angemessen – sowie praktikabel und sinnstiftend sein.

Also keine Augmented Reality im Druckmaschinenbau?

Kowalewski: Es wäre auch in der Druck- und Papiertechnik sinnvoll, Maschinen und deren Varianten mit virtuellen Methoden zu planen und Augmented Reality Lösungen daraus abzuleiten. Doch die Deckungsbeiträge, die augenblicklich im Markt zu erzielen sind, geben das in vielen Fällen nicht her. Digitale Zwillinge gibt es in vielen Varianten; angefangen mit dem online verfügbaren Datenblatt. Meist machen sie sich bezahlt, weil sie Inbetriebnahmen, Wartungen und Reparaturen beschleunigen und als Basis für Augmented Reality Lösungen auch im Vertrieb attraktive Möglichkeiten eröffnen. Doch es gibt ein weiteres Hindernis.

Welches?

Kowalewski: Vernetzte Systeme, und dazu zählt Augmented Reality, erfordern im Vorfeld eine grundsätzliche Klärung, wer auf welche Daten zugreifen darf. Um Nutzern beispielsweise erweiterte Garantien gewähren zu können, beanspruchen Maschinenhersteller in der Regel vollen Datenzugriff. Anlagenbetreiber haben es in vielen Fällen noch nicht begriffen, wie wichtig die Datenhoheit ist.

Inwiefern?

Kowalewski: Stehen in der Produktion ein Dutzend Maschinen verschiedener Hersteller und läuft dazu noch eine MES-Software, dann läuft da mittlerweile ein reger Funkverkehr. Es fließen jede Menge sensibler Produktionsdaten ab; wobei unklar ist, wer alles mitliest. Noch haben sich keine vernünftigen Schaltzentralen etabliert, die steuern, wer auf welche Datenebenen zugreifen darf. Jeder Akteur, der auf die Daten zugreift, ist ein potentielles Sicherheitsrisiko. Und zugleich tun wir uns in Deutschland schwer, Geschäftsmodelle mit Daten aufzubauen. In dem Bereich sind uns amerikanische und asiatische Unternehmen weit voraus. Die Druckbranche zählte einmal zu den Pionieren des Onlinehandels. Personalisierte Visitenkarten und Fotobücher wurde sehr früh online gehandelt. Doch mittlerweile sind in der Platform Economy andere vorn. Gerade in der Anfangsphase geht es darum, Geschäftsmodelle zur Not mit Geld und Ausdauer durchzudrücken. Doch um Wettbewerber auszusitzen, fehlt hierzulande das Risikokapital.

Sind Cloud Computing, Big Data oder Artifical Intelligence Zukunftsthemen oder mittlerweile täglich Brot für macio?

Kowalewski: Mein erstes Fuzzy Logic Projekt habe ich 1994 durchgeführt, um einen „Scannenden Bildassistenten“ umzusetzen. Neuronale Netzwerke waren der Schlüssel, um Schmuck von Gesichtern und Landschaften zu unterscheiden und automatisiert Farbkorrekturen durchzuführen. Auch Cloudsysteme für das Front- und Backend gehören heute zum täglich Brot. Wir bauen hier immer öfter „On-Premise-Lösungen“ und so genannte Microservices, also verteilte Systeme in denen Kunden unsere Software in Eigenregie betreiben. Und mittlerweile ist auch das Edge-Computing etabliert, also die maschinennahe Vorverarbeitung der Maschinendaten, um den Datenverkehr zu minimieren. Genau hier bauen wir erste intelligente Schleusen ein, um ausgehenden Daten zu filtern. Doch diese Entwicklung steht noch ganz am Anfang. Denn die Bereitschaft, Lösungen für eine plausible Auswahl der übermittelten Daten zu entwickeln und diese auch zu bezahlen, ist gering. Im Zweifel wollen Maschinenhersteller alle Daten – und die Betreiber erlauben den Zugriff mit einem mulmigen Gefühl.

Wie verändern sich Projekte und Methoden in der vernetzten Welt?

Kowalewski: Das lässt sich mit einem Wort beantworten: Agil. Weil vernetzte Systeme ohnehin ständig Security-Updates brauchen, ist das der effizienteste Ansatz. Die erfolgreichsten Projekte mit Blick auf die erreichte Funktionalität pro eingesetztem Geld erzielen ganz klar agile Projekte. Ohne Wenn und Aber. Das stellt neue Herausforderungen, setzt sauber aufgesetzte Softwarearchitekturen voraus und jede Software muss by Design offen für jederzeitige Updates sein. Es gibt erste Geschäftsmodelle, in denen Downtimes infolge von Updates minimiert werden, indem sie gebündelt und nur in Produktionspausen aufgespielt werden. Dafür bezahlen Kunden, weil es ihnen echte Vorteile bietet.

Haben Sie mit Ihrem breiten Branchenüberblick eine Einschätzung, wie weit die Druck- und Papiertechnik bei der Industrie 4.0 Umsetzung ist?

Kowalewski: Sie ist weiter vorn dabei, aber andere Branchen holen massiv auf. Als Beispiel fällt mir der Textilmaschinenbau ein, in dem sich Betreibermodelle mit Abrechnung je laufendem Meter durchsetzen. Die Schwierigkeit des Druck- und Papiermaschinenbaus liegt in seiner heterogenen Kundenbasis. Hersteller müssen bei Innovationen unterschiedlichsten Kunden gerecht werden. Nicht alle können in Vollautomatisierung und Vernetzung investieren.

Letzte Frage: Wie stellen Sie sich Ihre macio GmbH im Jahr 2030 vor?

Kowalewski: Wenn es weiterläuft, wie in den letzten vier Jahren, dann sind wir bis dahin über 300 Leute und in Divisionen organisiert. Doch wir waren bislang gut damit beraten, den Bedarfen unserer Kunden agil zu folgen und in einer immer komplexeren Welt passgenaue Lösungen aus einem Guss zu entwickeln. Ich bin zuversichtlich, dass uns das weiterhin gelingen wird – und wir unsere Neugier auf neue technologische Lösungen behalten werden. macio wird eine lebendige, lernende Organisation bleiben.

sbr / 24.10.2019