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Pfadfinder und Gentleman der Branche


In den zurückliegenden fünf Jahrzehnten hatte die Etikettenindustrie ein erstaunliches Wachstum zu verzeichnen und durchlief so manche technische Revolution. Diese Zeit hat Karl Fust hautnah erlebt und einige Entwicklungen zum Teil sogar mit seiner Arbeit beeinflusst. Jeweils mehr als 20 Jahre war er für die beiden Schweizer Unternehmen Gallus und Chromos tätig. Eine dritte Linie seiner beruflichen Tätigkeit bildet die eigene Firma KFM (Karl Fust Marketing).


Als Fust Anfang des Jahres 2018 nach mehr als 20 Jahren Führungsverantwortung bei der Chromos-Gruppe seine operative Tätigkeit offiziell beendet hat, blickte er in einem ausführlichen Interview auf sein abwechslungsreiches Arbeitsleben zurück.

Ein Maschinenbaustudium bildete für Karl Fust das Rüstzeug, als er seine berufliche Karriere 1970 beim Druckmaschinenhersteller Gallus startete. In der Etikettenindustrie fand er ein äußerst faszinierendes Tätigkeitsfeld. Vor allem auch, weil der Markt für Haftetiketten zu dieser Zeit eine extrem dynamische Pionierphase durchlief. So lagen die jährlichen Wachstumsraten vieler Unternehmen nicht selten zwischen 20 und 30 Prozent.

Weltweiter Aktionsradius

In dieser Boom-Phase der Industrie baute Karl Fust beispielsweise das Nordamerika-Geschäft von Gallus auf. Regelmäßig verbrachte er viel Zeit in den Gallus-Niederlassungen in Philadelphia, Chicago, Atlanta und Los Angeles, aber auch in anderen Regionen der Welt wie Japan oder Australien. Drei entwertete, weil mit Visa randvolle Reisepässe hat er als Zeugnisse dieser Jahre aufgehoben. Die Anstrengung der oft wochenlangen Reisen wurde durch die motivierende Wirkung zahlreicher Erfolgserlebnisse aufgewogen. Ohne den Rückhalt seiner Familie, die häufig unter der langen Abwesenheit zu leiden hatte, so Karl Fust, wären die Erfolge dieser Zeit allerdings nicht denkbar gewesen.

In Sachen Technologie erlebte der Rotationsbuchdruck in den 1970er und 1980er Jahren eine starke Phase. In Kombination mit der damals aufkommenden UV-Härtung bot das Verfahren neue Möglichkeiten, so dass die Nachfrage nach den Maschinen von Gallus rapide stieg. Von den weltweiten Fachmessen kehrte das Unternehmen stets mit neuen Aufträgen zurück. Für Karl Fust als Mitglied der Geschäftsleitung stellten die imposanten Verkaufszahlen jedoch nur die eine Seite der Medaille dar. Dem stand die Verantwortung über 300 Mitarbeiter in St. Gallen sowie die umfassende operative Leitung inklusive Fertigung, Montage, Kundendienst und Drucktechnik gegenüber. Die fortwährende Herausforderung lag darin, pro Jahr 140 Maschinen in alle Welt auszuliefern – eine Aufgabe, bei der die Organisation des Unternehmens an manche Grenze stieß.

Vorreiter in der Fertigungstechnik

Vor diesem Hintergrund waren die Bestrebungen von Gallus zur Ausweitung der Produktionskapazität absolut logisch. Dazu gehörten umfangreiche Investitionen im Bereich von Konstruktion und Fertigung. Karl Fust erinnert sich, dass außerordentlich viel in die Entwicklung der damals noch jungen Technologien wie CAD (Computer Aided Manufacturing) und CNC (Computerized Numerical Control) gesteckt wurde. "Auf diesem Gebiet zählte Gallus damals zu den führenden Unternehmen in der Schweiz, wenn nicht sogar in Europa", so die Einschätzung von Karl Fust. "Diese Erfahrungen haben mir sehr früh den Zugang zur digitalen Welt eröffnet."

In diese Zeit fiel auch die Entwicklung der Screeny-Technologie, die er vom Beginn bis zur Marktreife begleitet hat. In das heute weltweit verbreitete Siebdruck-System des Maschinenherstellers aus St. Gallen flossen einige Millionen und sehr viele Monate an Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Ein weiteres Beispiel aus dieser Zeit, das die Fertigungstechnik maßgeblich veränderte und an dem Karl Fust ebenfalls mitgewirkt hat, war 1975 die Entwicklung der Flachstanze. Die Stanzblech-Technologie, die zusammen mit der Firma Rotometrics entwickelt wurde, folgte kurz danach. Beide Innovationen von damals sind heute längst Stand der Technik im Schmalbahndruck.

Zukauf stärkt das Produktprogramm im Flexodruckbereich

Als sich im Etikettendruck der Siegeszug des Flexodruckverfahrens abzeichnete, setzte Gallus auf den Zukauf eines spezialisierten Maschinenherstellers, um so das Produktangebot auszuweiten. Die Aufgabe von Karl Fust war es, den Markt zu evaluieren. Fündig wurde er bei der US-amerikanischen Firma Comco aus Cincinnati, die seinerzeit rund 250 Mitarbeiter beschäftigte.

Das Zusammenführen der beiden Unternehmen entpuppte sich für Karl Fust als immense Herausforderung. Einerseits galt es, die Unterschiede zwischen Schweizer Mentalität und nordamerikanischer Unternehmenskultur zu überbrücken. Andererseits verfügten beide Firmen jeweils über ein eigenes, weltweites Vertriebsnetz. Daraus eine gemeinsame Vertretungsorganisation zu formen, erwies sich als heikles und sehr aufreibendes Unterfangen. Als sich später die erfolgreiche Verbindung zu Arabin Sondermaschinenbau (Arsoma) anbahnte, trennte sich Gallus von Comco.

Strategie-Entwickler und Buchautor

Eine wichtige Facette seiner Zeit bei Gallus war für Karl Fust die Beschäftigung mit dem Thema der systematischen Führung. Besonders anschaulich wird das dokumentiert durch seine Mitwirkung am 1984 veröffentlichten Fachbuch mit dem Titel "Führung und Systeme in der Ferd. Rüesch AG, St. Gallen", für das er in seiner Freizeit wesentliche Abschnitte geschrieben hat. Es erhielt sogar einen Preis einer namhaften Schweizer Bank für seine wegweisende Beschreibung, welche Strategien für den weltweiten Erfolg eines Industrieunternehmens aus der Schweiz verantwortlich sind.

Aus der Feder von Karl Fust stammen in diesem Buch beispielsweise die Kapitel über "Organisation" und "Strategische Vorgehenstechnik". In seiner beruflichen Arbeit setzte er genau diese Erkenntnisse regelmäßig in Strategien um, wenn die Aufgabenstellung lautete, den besten Lösungsweg von der Entwicklung über den Verkauf bis hin zur Produktion zu finden. Die Firma Gallus bot in dieser Hinsicht als Global Player mit eigener Entwicklungsabteilung ein ideales Umfeld für den systematischen Einsatz solcher strategischer Instrumente. Insofern war es kaum verwunderlich, dass sie in dieser Wachstumsbranche eine derart große Wirkung entfalten konnten und mehrere technische Trends in der Branche entscheidend geprägt haben.

Bei späteren Tätigkeiten konnte Karl Fust diese Strategien nicht mehr in vergleichbarer Weise nutzen. In seinen folgenden Stationen traf er auf wechselnde Umgebungsbedingungen, die es jeweils entsprechend zu berüchsichtigen galt.

Selbständigkeit als neue Herausforderung

Dass Karl Fust nach über 20 erfolgreichen Jahren Gallus im guten gegenseitigen Einverständnis verlassen hat, war einerseits eine Folge von personellen Veränderungen innerhalb des Unternehmens. Zum anderen regte sich in ihm aber auch der Wunsch, nach so langer Zeit eine neue Herausforderung zu suchen. Deshalb gründete er 1992 seine eigene Firma Karl Fust Marketing (KFM), die bis heute besteht.

In den 1990er Jahren stand Karl Fust in regelmäßigem Kontakt mit der Etikettendruckerei Spear in Cincinnati. Sie arbeitete an einem Produkt, das in den Folgejahren einen wahren Siegeszug durch die Branche antreten sollte: Etiketten im No-Label-Look. Die Entwicklungsschritte umfassten spezielles Folienmaterial, geeignete Druckfarbe und eine Druckmaschine die ausschließlich mit Siebdruckwerken ausgestattet war. Als das System die Praxisreife erreicht hatte, stellte Spear die Produktneuheit allen großen Brauereigruppen vor. Das Ergebnis waren Millionen-Aufträge. Während der Boom-Phase des No-Label-Looks produzierte die Druckerei auf vier Maschinen rund um die Uhr diese transparenten Folienetiketten, die in den Folgejahren einen weltweiten Branchentrend auslösten.

Ausweitung der Tätigkeitsfelder

In den ersten vier Jahren seiner Selbständigkeit befasste sich KFM mit einigen neuen Betätigungsfeldern. So unterstützte Karl Fust bei der Firma Permapack die Einführung neuer Druckverfahren wie rotativer Buchdruck und Siebdruck. Zusammen mit Partnern aus Japan entwickelt er eine lebensmitteltaugliche Folie für den Einsatz im Catering-Bereich. Das beinhaltete die Fertigung für den europäischen Markt – einschließlich Extrusion und Konfektionierung.

Aufgrund der Integration von Arsoma in die Gallus-Gruppe im Jahr 1990 endete die Zusammenarbeit zwischen dem Maschinenhersteller aus St. Gallen und Comco. Dadurch erhielt Karl Fust das Angebot, die Comco-Vertretung in Europa zu organisieren. Das umfasste den Aufbau eines Vertriebsnetzes einschließlich technischer und Service-Dienstleistungen.

Seiner Zeit weit voraus war Karl Fust, als er 1995 während der Labelexpo Europe in Brüssel auf dem Stand von Comco Europe das Digitaldrucksystem DOSD 330 präsentierte. Die Abkürzung stand für Digital Offset Soft Die. Dahinter verbarg sich eine Indigo-Druckeinheit vom Typ Omnius mit integrierter Laser-Stanze von SEI. Wichtige Trends auf dem Markt frühzeitig zu erkennen, ist eine wesentliche Eigenschaft von Karl Fust. Mehr als einmal war er dabei jedoch seiner Zeit weit voraus. "Aus heutiger Sicht war unser Auftritt zur Labelexpo 1995 eine Pioniertat in Sachen Digitaldruck und Laser-Stanze. Damit konnten wir zwar große Aufmerksamkeit erregen, haben unter dem Strich jedoch viel Lehrgeld bezahlt", erinnert er sich. "Daraus habe ich vor allem die Erkenntnis gewonnen, dass es oftmals besser ist, ein schneller Zweiter zu sein, als ein teurer Erster."

Weichenstellung durch die erste Hybrid-Maschine

Für eine andere Technologie war der Markt zu dieser Zeit dagegen schon aufgeschlossener. Ebenfalls zur Labelexpo 1995 wurde ein Maschinensystem vorgestellt, mit dem der Anwender wahlweise verschiedene Druckverfahren einsetzen kann. Heinz Keller – ein ehemaliger Gallus-Mitarbeiter – hatte damit die erste Hybrid-Maschine für den Etikettendruck konstruiert. Er kannte Karl Fust von gemeinsamen Zeiten bei Gallus und wusste um seine guten internationalen Kontakte. Deshalb bat er ihn, den weltweiten Vertrieb zu übernehmen. Das war die Geburtsstunde von Inter Label Machines (ILMA). Auch wenn sich das Unternehmen langfristig nicht etablieren konnte, so stellte dieses Engagement für Karl Fust nebenbei doch die Weichen für eine langjährige und erfolgreiche Verbindung mit der Chromos-Gruppe.

Rolf Broglie, zu der Zeit Chef der Chromos AG, sah auf der einen Seite das Marktpotenzial des Etikettendrucks und im Gegensatz dazu die rückläufige Entwicklung im Marktsegment des Formulardrucks. Vor diesem Hintergrund suchte er den Kontakt zu den Verantwortlichen von ILMA, da er dem neuen Maschinenkonzept gute Chancen in einem Wachstumsmarkt einräumte. Das führte dazu, dass sich Rolf Broglie an der Inter Label Machines AG finanziell beteiligte.

Parallel dazu war sich Karl Fust bewusst, dass die Vermarktung der ILMA-Maschinen nicht im Alleingang zu stemmen war. Der Hinweis, dass die Chromos-Gruppe auch eine Niederlassung in Deutschland besaß, weckte deshalb sein Interesse. Am Ende ließ er sich sogar überzeugen, für Chromos zu arbeiten. Im Juli 1996 trat er in das Unternehmen ein. Diese Entscheidung wertet er im Rückblick als persönlichen Glücksfall, auch wenn sich die Marke ILMA trotz insgesamt 80 verkaufter Maschinen langfristig nicht etablieren ließ.

Pionierarbeit erfordert auch Durchhaltevermögen

Langfristig deutlich erfolgreicher war das Engagement von Chromos im Bereich Digitaldruck. Bereits 1995 traf Rolf Broglie mit Benny Landa von Indigo eine Vereinbarung über den Vertrieb der Digitaldrucksysteme in der Schweiz. Diese Entscheidung ist nach Ansicht von Karl Fust nicht zu unterschätzen. "Sie mag im Rückblick wie eine Selbstverständlichkeit wirken. In der Pionierphase des Digitaldrucks ging es zunächst noch darum, den Markt schrittweise aufzubauen. Das bedeutete eine erhebliche finanzielle Vorleistung. Erst Jahre später konnte die angestrebte Gewinnzone erreicht werden."

Dass er sowohl bei Gallus als auch bei Chromos jeweils in ein Familienunternehmen mit guter finanzieller Ausstattung involviert war, schätzt Karl Fust als großes Glück ein. Es war für ihn eine wichtige Voraussetzung, um in den Verhandlungen mit HP Indigo den Zuschlag für die Vertretung in der Schweiz und auch für Österreich zu erhalten.

Radikaler Perspektivwechsel

Der Eintritt in die Chromos-Gruppe stellte eine einschneidende Veränderung dar. 26 Jahre lang war für Karl Fust für ein exportorientiertes Schweizer Unternehmen auf dem gesamten Weltmarkt unterwegs gewesen. Nun bestand seine Aufgabe plötzlich darin, einen regionalen Markt mit Handelsprodukten zu bedienen. Da er den Bereich der Investitionsgüter verantwortete, musste er sich in so manche Materie einarbeiten, die für ihn bis dato unbekannt war. Die neue Situation sah im ersten Moment nach einer Einschränkung aus, entpuppte sich bei näherer Betrachtung aber als Horizonterweiterung. Die Eingrenzung des geografischen Aktionsradius bedeutete keinen Nachteil, weil sein neues Tätigkeitsfeld durch das breite Spektrum an technischen Themen und neuen Anwendungsgebieten sehr viel Abwechslung bereithielt.

An die Jahre bei Chromos erinnert sich Karl Fust genau deshalb sehr gerne. Schließlich eröffneten sie ihm unschätzbare Gelegenheiten, den Kontakt mit einer Vielzahl von Lieferanten zu pflegen. Am Ende waren es rund 50 Firmen mit ganz individuellen Menschen, deren unterschiedliche Kulturen und strategische Ausrichtungen er kennenlernen durfte. Als sichtbare Reminiszenz an diese Ära der kontinuierlichen Kontaktpflege hat Karl Fust zum Interview unzählige Namensschilder mitgebracht, die sich bei ihm über die Zeit als Teilnehmer von Messen, Firmen-Events, Symposien etc. angesammelt haben – darunter auch viele von den jährlichen Kongressen der FINAT.

Langjähriges Engagement in der FINAT

Während seiner langen Karriere in der Etikettenindustrie hat Karl Fust fast alle FINAT-Kongresse besucht und viele Verbandspräsidenten kommen und gehen sehen. Der Verband war für ihn eine äußerst nützliche Plattform, um wichtige Kontakte zu knüpfen. Einige Partnerschaften zwischen Chromos und Lieferanten sind speziell über dieses Netzwerk entstanden.

Gleichzeitig hat er an zahlreichen FINAT-Projekten mitgewirkt. Zu den wichtigsten Projekten der letzten Jahre zählt er das FINAT Radar. Mit Hilfe dieses Instruments erhalten die Mitglieder zweimal im Jahr sehr nützliche Informationen über den Markt. Gemeinsam mit Ferdinand Rüesch und der Firma LPC hat Karl Fust in dieses Vorhaben viel Zeit investiert, um es auf den Weg zu bringen.

Rund 30 Jahre engagierte er sich zudem aktiv im Marketing-Komitee, bevor er sich 2017 von diesem Amt zurückzog. An seine letzte Sitzung erinnert er sich gerne. Von den verschiedenen Dankesworten ist ihm speziell die Aussage von Jakob Landberg, Marketing Direktor von Nilpeter, im Gedächtnis geblieben: "You are the synonym of a gentleman in our industry."

Neue Technologien erfolgreiche integrieren

Zu den bereits beschriebenen Fähigkeiten von Karl Fust zählt, dass er technische Entwicklungen oft schon im Ansatz erkennt. Das führte mehr als einmal dazu, dass er Projekte wie Laser-Stanzung oder hybride Druckmaschinen zu einer Zeit initiiert hat, als der Markt dafür noch nicht reif war. Ein Handelsunternehmen wie Chromos kann von dieser Art Weitblick jedoch immens profitieren, da es die Chance bietet, sich auf zukünftige Ereignisse so rechtzeitig einzustellen, dass es Chromos immer wieder einen entscheidenen Vorsprung verschafft.

Im Bereich des Flexodrucks hat Karl Fust beispielsweise die Möglichkeiten des seinerzeit ungewöhnlichen Konzeptes erkannt, das die Firma Gidue mit der Flower-Technologie entwickelt hatte. Die Einbindung des italienischen Maschinenhersteller in das Portfolio verhalf Chromos, dieses Marktsegment zu besetzen. Bis zur Insolvenz von Gidue war das Geschäft durchaus erfolgreich. In der neuen Situation kam mit dem nahtlosen Übergang auf Omet intuitiv eine Reaktion, die sich rückwirkend betrachtet sogar als Verbesserung erwies. Eine ähnlich Entwicklung fand beim Einstieg von Chromos in den Etikettendruck mit Inkjet statt. "Die ersten Kontakte zu Jetrion und die Anfangsphase waren vielversprechend. Als sichtbar wurde, dass die beiden Partner nicht optimal zusammenpassten, erfolgte auch hier sehr schnell der Wechsel zu einem neuen Hersteller – in diesem Fall zu Durst", erinnert sich Karl Fust. Auch diese Verbindung hat sich über die letzten Jahre überaus erfolgreich entwickelt.

Pfadfinder in Sachen Technik

"Zur Rolle von Karl Fust gehörte gelegentlich, bei der Beobachtung des Marktes quasi den Pfadfinder in Sachen Technik zu spielen. Das war für uns sehr hilfreich. Immer dann, wenn er seiner Zeit gerade mal wieder voraus war, standen die Chancen gut, Produkte mit Zukunftspotenzial ins Programm zu holen. Selbst wenn zwischendurch die ‚Pferde gewechselt‘ wurden, wie in den beiden genannten Beispielen Gidue/Omet und Jetrion/Durst, war die technologische Weichenstellung jedoch grundsätzlich richtig", meint Klaus Sedlmayr, Bereichsleiter der Chromos GmbH. "Sein spezieller Spürsinn für Entwicklungen wird uns in Zukunft fehlen."

Bei der Einschätzung des Marktes konnte Karl Fust natürlich auch viel aus seinem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Er empfindet es als Privileg, eine maßgebende Ära des Haftetikettendrucks hautnah miterlebt zu haben. Während seines Berufslebens hat die Branche eine Entwicklungsgeschichte durchlaufen, die vom mechanisch geprägten Verfahren des Flach-Buchdrucks, z.B. mit Maschinen des Herstellers Kiess & Gerlach, bis hin zu hochproduktiven Produktionslinien mit Hybrid-Technologie oder komplett in den Workflow eingebundene Systeme mit aktuellen Digitaldrucktechnologien reicht.

Meilensteine und ökologische Herausforderung

Der Etikettendruck konnte in diesen Jahrzehnten eine Vielzahl an technischen Neuerungen verzeichnen. Ganz entscheidende Meilensteine waren in den Augen von Karl Fust dabei die Einführung der UV-Härtung in den Schmalbahndruck sowie die Entwicklung der Servo-Technologie. Das größte verfahrenstechnische Highlight war für ihn die gesamte Entwicklung rund um den UV-Flexodruck.

Die vielseitigen Anwendungsfelder von selbstklebenden Etiketten, deren Fertigung und Handhabung in der Praxis auch für kleine Auflagen geeignet ist, sowie die Möglichkeit, Haftetiketten sauber – d.h. ohne umständlichen Leimauftrag – applizieren zu können, haben der Branche über viele Jahre hohe Wachstumsraten beschert.

Die Zuwächse erfolgen heute nicht mehr in Riesenschritten wie zu Beginn, aber fortwährende Innovationen in allen Bereichen der Produktionskette, angefangen bei Maschinen über Farben bis zu den Materialien, lassen die Etikettenindustrie nach wie vor kontinuierlich wachsen. Bei der Produktdekoration haben sich zum Haftetikett mittlerweile Alternativen in Form von Sleeves, Inmould Labels oder Wrap-around-Etiketten gesellt, die in Zukunft Teile des Marktes vom Haftetikett erobern wollen.

Eine Herausforderung, der sich alle genannten Dekorationsmethoden in den kommenden Jahren stellen müssen, ist die Ökologie. Der Druck auf die Industrie wächst beständig, Lösungen zu entwickeln, die abfallwirtschaftliche Fortschritte bringen, sei es durch eine bessere Effizienz im Materialeinsatz oder ein wirkungsvolles wertstoffliches Recycling im größeren Umfang.

Service als Antwort auf Globalisierung

Seit einigen Jahren hat sich Karl Fust schon mit der Frage beschäftigt, welche Zukunft ein Unternehmen wie Chromos aufgrund der aktuellen Marktentwicklung erwartet. Einen tiefgreifenden Wandel wird die Branche vor allem durch die weiter zunehmende Globalisierung erleben. Der stärkste Wettbewerb wird voraussichtlich aus Asien kommen. Für ein Handelshaus im Stile von Chromos bedeutet das, die Aspekte Service, technischer Support und Beratung konsequent zu perfektionieren. Oder wie Karl Fust es ausdrückt: "Um die Kunden zu überzeugen, müssen wir freundlicher, schneller, effizienter und natürlich kompetenter sein als unser globaler Wettbewerber."

Gleichzeitig sieht er eine wachsende Notwendigkeit für mehr internationale Zusammenarbeit. Naheliegend sind für ihn in Zukunft beispielsweise Kooperationen zwischen europäischen und asiatischen Herstellern, wie sie seit längerem bereits in der Automobilindustrie zu beobachten sind. Auch Chromos wird sich nach Ansicht von Karl Fust verstärkt damit beschäftigen müssen, mit kompetenten Partnern zu kooperieren.

Rabatt-Mentalität verdrängt technische Argumente

Eine Entwicklung der Branche sieht Karl Fust beim Rückblick auf die letzten Jahre mit wachsender Besorgnis. Technologische Argumente treten beim Verkauf von Produkten immer stärker in den Hintergrund. Während früher technische Merkmale wie Registerverhalten, Bahnführung, Produktivität, etc. typische Kriterien für eine Kaufentscheidung waren, gilt die Frage heute fast nur noch der Höhe des Preisnachlasses. Die Werterhaltung der Argumente und die seriöse Kalkulation verflüchtigen sich augenblicklich mit dem Beginn der Preisverhandlung. Unter den vielen positiven Erinnerungen ist dies der einzige Wermutstropfen, wenn Karl Fust auf seine fast 50 aktiven Jahre in der Etikettenindustrie zurückblickt.

Ruhestand – ausgefüllt mit Aktivitäten

Andauernder Müßiggang ist im Naturell von Karl Fust nicht vorgesehen. Deshalb hat er seinen Ruhestand wenige Monate nach Beenden des Berufslebens schon wieder mit verschiedenen Projekten angereichert. Sein technisches Know-how bringt er seit August in ein Start-up im Bereich Optometrie ein, das in der Sportsvision beim FC St. Gallen in der Super League zum Einsatz kommt. Im September führte ihn eine "Digital Journey" in die USA ins Silicon Valley, wo er Firmen wie Google, Facebook, Amazon, Tesla, Salesforce etc. besuchte. Von einem Inkjet-Hersteller wurde er im Oktober nach Shenzhen in China eingeladen, um über seine Erfahrungen in Vertrieb und Marketing zu berichten, sowie eine Semester-Session mit Studenten in Shanghai zum Thema „Flexible Packaging“ anzuschließen. Bis ins kommende Jahr 2019 hinein kann der umtriebige Ruheständler bereits absehen, dass ihn Mandate im Verwaltungsrat und Unternehmensberatungen für Schweizer Unternehmen in Bewegung halten werden.

sbr / 05.11.2018