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Die Chinesen werden qualitätsbewusst


Die deutsche Druckmaschinenindustrie ist Weltmarktführer und will ihren Status auch künftig behalten. Im Vorfeld der Drupa bietet der VDMA Interviews mit einem Exponenten der Branche als Presseinformation an - diesmal mit Bernhard Schreier, Vorsitzender des Vorstands der Heidelberger Druckmaschinen AG.


Das Unternehmen mit Stammsitz in Heidelberg ist der weltgrößte Hersteller von Bogenoffsetdruckmaschinen. Schreier, der auch Präsident der Drupa ist, spricht über die aktuelle Lage in der Branche, sich abzeichnende Trends und die Rolle des chinesischen Marktes für sein Unternehmen.

Herr Schreier, im Mai macht die Drupa erneut die Pforten in einer für die Druckbranche schwierigen Zeit auf. Können dennoch von ihr wichtige Impulse ausgehen?

Schreier: Die Drupa ist eine Art Wasserstandsmelder und gleichzeitig Impulsgeber für die Printmedien-Industrie weltweit. Sie zeigt allen, wie die Branche aktuell positioniert ist. Der Zeitpunkt der Drupa ist daher immer der richtige, egal in welchem wirtschaftlichen Umfeld sie stattfindet. Bei der letzten Drupa 2008 war das Umfeld etwas besser als heute. Damals hatte die Wirtschaftskrise die USA zwar schon erfasst, in Europa und Asien war sie aber noch nicht angekommen. Erst ab dem Sommer 2008 ging das Geschäft auch in diesen Märkten stark zurück.
 
Dieses Jahr ist die weltweite konjunkturelle Unsicherheit deutlich größer. Und im Vorfeld der Messe erholt sich die Branche langsamer als erwartet. Die Kauflust ist überall noch recht schwach. Dennoch gehen wir davon aus, dass vom wichtigsten Branchentreffpunkt positive Impulse ausgehen und sich der Investitionsstau in wesentlichen Märkten der Welt weiter auflöst. Allerdings wird auch in Ländern wie China, wo wir bis vor kurzem noch eine stabile Nachfrage gesehen haben, ein gedämpftes Wirtschaftswachstum erwartet. Das bedeutet, dass Chinesen nicht nur weniger Druckerzeugnisse exportieren werden, sondern auch im Binnenmarkt weniger absetzen können. Wir sehen aber, dass die wachsende chinesische Mittelklasse zunehmend eine höhere Qualität von Druckerzeugnissen haben will. Das stimmt uns bei Heidelberg optimistisch. Die chinesischen Druckmaschinenhersteller verlieren Marktanteile, weil sie die nötige Druckqualität nicht liefern können.

Heidelberg produziert bereits Druckmaschinen in China. Haben Sie keine Sorge, dass Ihnen das Know-how abhandenkommt?

Schreier: Nein. Denn unser Know-how liegt nicht nur in der Entwicklung. Die Umsetzung des theoretischen Wissens in den Aufbau einer Druckmaschine mit höchster Qualität ist eine Kunst für sich. Das können nur ganz wenige. Wir bauen etwa ein Drittel der in China bestellten Maschinen bereits im Land. Das sind vorwiegend Standardmaschinen höchster Qualität, nur mit weniger Automatisierung. Mit diesen Maschinen erschließen wir uns in dem größten Wachstumsmarkt der Branche neue Kundensegmente.  Der größte Teil unserer Druckmaschinen - die High-Tech-Maschinen - wird nach wie vor in Deutschland produziert.   

Mit Manroland ist einer Ihrer größten Wettbewerber nach der Insolvenz als schlankes Unternehmen wieder auferstanden. Welche Konsequenzen hat das für Heidelberg?

Schreier: Schlankheit allein sagt noch nichts. Viel wichtiger sind das Produktangebot und Innovationen für künftiges Geschäft. Da werden wir abwarten, wie sich der Wettbewerber aufstellt. Aber unsere ganze Branche wandelt sich, das betrifft Kunden wie Hersteller. Technische Neuerungen sind zunehmend nur noch auf Teilmärkte anwendbar. Insgesamt sind die Entwicklungszyklen kürzer. Die Herausforderung besteht darin, Innovationen schneller umzusetzen als in der Vergangenheit.

Dennoch will Heidelberg die Investitionen in Forschung und Entwicklung kürzen.

Schreier: Die Innovationsaktivitäten laufen zyklisch, sind also mal stärker, mal schwächer. Heidelberg hat zuletzt einen enormen Innovationsschub gehabt und eine völlig neue Produktplattform entwickelt. Die Früchte dieser Anstrengung wollen wir in den nächsten drei bis vier Jahren ernten. Im Übrigen muss man die Ausgaben für Forschung und Entwicklung relativ zum Wettbewerb beurteilen, wo nur die Hälfte unseres Volumens investiert wird. In puncto Entwicklungen bilden wir mit rund 60 Innovationen für alle relevanten Markttrends zur Drupa weiterhin die Speerspitze der Industrie. Mit unserem Lösungs- und Dienstleistungsangebot zeigen wir zukunftsfähige Geschäftsmodelle für unsere Branche auf.

Welche Bedeutung hat der Verpackungsdruck für die Druckmaschinenbranche – und für Heidelberg?

Schreier: Die Bedeutung ist in den vergangenen Jahren gestiegen, wenngleich der Anteil des Verpackungsdrucks am gesamten Druckvolumen mit aktuell rund 27 Prozent immer noch recht gering ausfällt. Eindeutig positiv ist aber, dass der Verpackungsdruck überall wächst, also in Schwellenländern ebenso wie etablierten Märkten. In den USA zum Beispiel liegt der Publikationsdruck am Boden, aber der Verpackungsdruck zieht an. Der Verpackungsdruck ist das stabilste Segment unserer Branche, was das Wachstum angeht. Das liegt am Trend zur Diversifizierung vor allem bei Konsumgütern, wie beispielsweise Lebensmitteln. Es gibt immer mehr Produkte, die in kleinen Mengen hergestellt und in bedruckte Schachteln verpackt werden. Bei Heidelberg hat der Verpackungsdruck aktuell einen Anteil von 20 Prozent am Geschäft. Wir planen, diesen Anteil in den nächsten zwei bis drei Jahren auf bis zu 30 Prozent zu erhöhen.

Heidelberg will die Partnerschaft mit Ricoh ausbauen. Welche Rolle spielt der Digitaldruck für Ihr Unternehmen?

Schreier: Der Digitaldruck, den wir durch unseren Partner Ricoh anbieten, ist eine wichtige Ergänzung unseres Produktangebots. Wir passen uns damit den Bedürfnissen unserer Kunden, der Druckereien, an. Sie müssen heute diversifizieren, große Auflagen drucken, aber auch Kleinstauflagen kostengünstig anbieten. Ein gutes Beispiel ist das Fotobuch, dessen Beliebtheit stetig zunimmt. Ein solches Buch, von dem man nur ein paar Exemplare für die Familie druckt, ist im Offset-Verfahren wirtschaftlich nicht darstellbar. Es wird per Digitaldruck produziert. Ricoh hat sich auf solche Kleinauflagen spezialisiert. Der Kunde kann jeweils entscheiden, welchen Druckauftrag er auf welcher Maschine unseres Hauses abarbeitet.

Wir sind der einzige Hersteller, der den Druckereien diese Kombination aus einer Hand und voll integriert in seine Arbeitsabläufe anbieten kann. Der Kunde bekommt die Betreuung nach Heidelberg-Qualität für alle unsere Druckmaschinen. Er entscheidet selbst, welche Methode er bei welcher Auflagenhöhe und welcher Qualität einsetzen will. Um die Einbindung von Ricoh noch weiter zu untermauern, stellen wir auf der Drupa die Digitaldruckmaschinen unseres Partners unter dem Namen Heidelberg Linoprint vor. Unsere Kunden profitieren damit von einer engen Verzahnung von Offset- und Digitaldruck, mit der sich die Wettbewerbsfähigkeit von Druckereien weiter steigern lässt.

Warum hat Druck Zukunft?

Schreier: Weil er gebraucht wird. Druck ist ein nachhaltiges und kostengünstiges Medium. Mit Gedrucktem werden relativ konstant Jahr für Jahr weltweit rund 400 Milliarden Euro an Geschäft erzeugt. Ich denke, dass sich künftig die Gewichte innerhalb des Druckgeschäfts verlagern werden. Der Publikationsdruck ist von den elektronischen Medien bedroht. Das E-Book macht dem Buch, das Internet der Zeitung Konkurrenz. Da müssen sich die Verlage etwas einfallen lassen. Dagegen wird der Verpackungsdruck nie von elektronischen Medien ersetzt werden können und weiter wachsen.

Die Drupa ist im vorigen Jahr 60 geworden. Wird es in 60 Jahren noch eine Drupa geben?

Schreier: Da in Zukunft weiter gedruckt werden wird, braucht man auch eine Plattform, die das Neue an Innovationen im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar macht. Deshalb wird es auch in den nächsten Jahrzehnten eine Leitmesse geben. Ob diese dann in Deutschland oder anderswo stattfindet, wird man sehen. Es gibt heute schon zwei große Druckmessen in China. Aber die Drupa ist eine Marke, die ihre Wirkung für Europa behalten wird.

Was ist seit der Erfindung des Buchdrucks die wichtigste Weiterentwicklung in der Drucktechnik?

Schreier: Der Druckprozess ist zweigeteilt. Zunächst muss die Druckform hergestellt und dann das erstellte Bild auf Papier übertragen werden. Bei der Bildübertragung erfand Gutenberg den Hochdruck mit in Blei gegossenen Lettern. Dieser wurde durch den Offset- und Flexodruck in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nahezu vollständig verdrängt. Aber man braucht immer noch eine Druckform, die sogenannte Offset- oder Flexo-Platte. Die neuen digitalen Bildübertragungstechniken brauchen keine Druckform mehr, sie bieten einen qualitativ hochwertigen Ausdruck, sind aber für die Massenproduktion noch zu teuer. Demnach wird es in absehbarer Zukunft zwei parallel vorhandene Grundtechnologien für die professionelle Herstellung von Druckerzeugnissen geben, den Offset- oder Flexodruck sowie den Digitaldruck. Die Integration beider Technologien wird entscheidend und der Schlüssel für erfolgreiche Drucklösungen sein.

atz / 16.04.2012