Wir sind immer wieder überrascht, mit welchen optimistischen Erwartungen manche Bertriebe sich in eine Insolvenz begeben. Dabei ist unter Experten bekannt, dass nur noch jedes vierte Unternehmen aus einer Insolvenz in den Markt zurückkehrt. Alle anderen wurden liquidiert. Das war vor fünf Jahren noch anders. Da konnten 2020 immerhin noch 62 Prozent der insolventen Unternehmen verkauft oder fortgeführt werden.
(Ein Beitrag von Michael Apenberg.)
Warum Unternehmen alles in Bewegung setzen sollten, um die Insolvenz zu vermeiden.
Eine Insolvenz kommt selten aus heiterem Himmel. Sie kündigt sich an durch sinkende Margen, wegbrechende Aufträge, steigende Kosten, überfällige Forderungen, erschöpfte Kreditlinien und eine Organisation, die zunehmend nur noch reagiert. Trotzdem wird in vielen Unternehmen zu lange gezögert. Man hofft auf den nächsten Großauftrag, auf bessere Konjunktur, auf politische Entlastung oder schlicht darauf, dass sich die Lage irgendwie wieder normalisiert. Genau diese Hoffnung ist gefährlich. Denn Unternehmenskrisen sind häufig nicht nur das Ergebnis schwieriger Rahmenbedingungen. Sie sind oft auch hausgemacht.
Der aktuelle „United Interim Wirtschaftsreport 2026“ liefert dafür eindrucksvolle Hinweise. In der Befragung unter rund 550 Interim Managern nennen die Experten als häufigste Ursachen für wirtschaftliche Schieflagen unter anderem:
Diese Zahlen sind ein Weckruf. Sie zeigen: Die Insolvenz ist oft nicht der erste Fehler, sondern der letzte Akt einer langen Kette unternehmerischer Versäumnisse. In einer Krise zählt Zeit. Je früher ein Unternehmen seine Schieflage erkennt, desto mehr Optionen bleiben: Kostenprogramme, Vertriebsinitiativen, Produktanpassungen, Finanzierungsverhandlungen, Restrukturierung, Investorenansprache, Managementwechsel oder operative Sanierung.
Wer dagegen erst handelt, wenn Liquidität fehlt, Lieferanten nervös werden und Banken Sicherheiten nachfordern, hat den größten Teil seines Gestaltungsspielraums bereits verloren. Dann wird nicht mehr strategisch geführt, sondern nur noch gelöscht.
Dass 86 Prozent der befragten Interim Manager die „zu späte Kenntnisnahme der dramatischen Lage“ als zentrale Ursache nennen, ist deshalb besonders alarmierend. Es bedeutet: Viele Unternehmen scheitern nicht, weil keine Rettung möglich gewesen wäre. Sie scheitern, weil die Wahrheit zu spät akzeptiert wurde.
Natürlich stehen Unternehmen unter Druck: Bürokratie, Energiepreise, Fachkräftemangel, geopolitische Unsicherheit, Digitalisierung, KI, verändertes Kundenverhalten und härterer Wettbewerb. Aber diese Faktoren treffen nicht nur ein einzelnes Unternehmen. Sie treffen ganze Branchen.
Der Unterschied liegt deshalb häufig nicht in den äußeren Umständen, sondern in der Reaktion darauf. Wenn 87 Prozent der Interim Manager mangelnde „Anpassung an Marktveränderungen“ nennen, dann ist das eine klare Botschaft an Geschäftsführungen, Inhaber und Vorstände: Märkte warten nicht. Kunden warten nicht. Wettbewerber warten nicht. Wer sein Geschäftsmodell, seine Prozesse, seine Produkte und seinen Vertrieb nicht laufend überprüft, riskiert, von der Realität überholt zu werden.
Besonders kritisch ist dabei die Kombination aus operativer Schwäche und mentaler Abschottung. „Beratungsresistenz im Topmanagement“ wird von 79 Prozent der Befragten als Krisenursache genannt. Das ist mehr als ein Führungsproblem. Es ist ein Insolvenzrisiko.
Viele Unternehmer empfinden Sanierung, Restrukturierung oder externe Hilfe als Eingeständnis des Scheiterns. Tatsächlich ist das Gegenteil richtig. Wer rechtzeitig gegensteuert, beweist unternehmerische Verantwortung.
Insolvenzvermeidung schützt nicht nur Eigentümerinteressen. Sie schützt Arbeitsplätze, Kundenbeziehungen, Lieferketten, Know-how, Markenwert und oft auch das Lebenswerk des Unternehmers. Ein gesundes Unternehmen ist ein soziales und wirtschaftliches Ökosystem. Gerät es in die Insolvenz, verlieren nicht nur Gesellschafter. Auch Beschäftigte, Familien, Dienstleister, Banken, Vermieter, Kommunen und Geschäftspartner tragen die Folgen.
Deshalb sollten Unternehmen alles in Bewegung setzen, bevor der Gang zum Insolvenzgericht unausweichlich wird. Nicht aus falschem Stolz. Nicht aus Panik. Sondern aus Verantwortung.
Die häufigsten Krisenursachen sind vermeidbar
Die im Wirtschaftsreport genannten Ursachen haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind beeinflussbar. Mangelnde Marktanpassung lässt sich durch systematische Marktbeobachtung, Kundendialoge und strategische Szenarioarbeit bekämpfen. Ineffiziente Unternehmensführung lässt sich durch klare Verantwortlichkeiten, bessere Kennzahlen und konsequente Umsetzung verbessern. Schlechte finanzielle Steuerung lässt sich durch Liquiditätsplanung, Deckungsbeitragsrechnung, Working-Capital-Management und regelmäßige Forecasts korrigieren.
Auch Vernachlässigung von Vertrieb und Marketing ist kein Schicksal. Sie ist eine Entscheidung, oft eine unbewusste. Gerade in Krisenzeiten wird hier zu schnell gespart, obwohl genau dort neue Nachfrage, neue Kunden und neue Umsätze entstehen müssen. Wer in der Krise nur Kosten senkt, aber keine Marktoffensive startet, saniert sich häufig kleiner, aber nicht zukunftsfähiger.
Rettung beginnt mit unbequemen Fragen
Unternehmen, die eine Insolvenz vermeiden wollen, müssen den Mut haben, sich frühzeitig harte Fragen zu stellen:
Diese Fragen sind unbequem. Aber sie sind deutlich kostengünstiger als eine Insolvenz.
Der „United Interim Wirtschaftsreport 2026“ zeigt eindrucksvoll: Unternehmenskrisen entstehen häufig dort, wo Führung zu spät erkennt, zu langsam handelt oder zu wenig zuhört. Genau deshalb ist Insolvenzvermeidung vor allem eine Managementaufgabe.
Unternehmen sollten alles in Bewegung setzen, um ihr Unternehmen vor der Insolvenz zu bewahren – nicht erst, wenn die Zahlungsunfähigkeit droht, sondern sobald die ersten Warnsignale sichtbar werden.
Quellen