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"Das Innovationstempo nimmt rasant zu"


Die Andritz Gruppe beschäftigt 29.000 Mitarbeiter an über 280 Standorten in mehr als 40 Ländern. Letztes Jahr setzte der Anlagenbauer gut 6 Mrd. Euro um. Dazu trug der Bereich Pulp & Paper mehr als ein Drittel bei. Als verantwortliches Vorstandsmitglied spricht Dr. Joachim Schönbeck im VDMA-Interview über Gründe des Wachstums, erfolgreiche Digitalisierung und ein neues Forschungszentrum.


Herr Dr. Schönbeck, wie hat sich Andritz Pulp & Paper entwickelt, seit wir im April 2016 unser letztes Interview führten?

Dr. Joachim Schönbeck: Wir sind schneller gewachsen als der Markt, haben also Marktanteile gewonnen. 2018 haben wir unseren Umsatz um acht Prozent auf 2,23 Mrd. Euro gesteigert und damit gut ein Drittel zum Gesamtumsatz der Andritz Gruppe beigetragen. Im Zellstoffmarkt sind wir führend. Auch unsere Papiermaschinen-Division hat in anspruchsvollen Kundenprojekten überzeugt. Es bleibt unser Ziel, diesen Markt mit langem Atem zu erschließen. Erfreulich ist die Entwicklung im Servicegeschäft, das inzwischen fast die Hälfte unserer Umsätze ausmacht. Das macht uns unabhängiger von Großaufträgen, wobei aktuell kein Grund zur Klage besteht: 2018 haben wir 26 Prozent Auftragsplus verzeichnet.

Was sind die wichtigsten Wachstumstreiber?

Schönbeck: Ein Faktor war ein Großauftrag zur Ausrüstung eines Zellstoffwerks in Chile im Wert von 300 Mio. Euro. Unsere Akquisitionen Xerium Technologies, Diatec und Novimpianti haben ebenfalls zum Auftragszuwachs beigetragen. Und hinzu kommt organisches Wachstum des Bereichs Pulp & Paper: Viele Regionen haben Nachholbedarf bei Lebensmittelverpackungen und Hygieneprodukten und auch der wachsende E-Commerce trägt dazu bei.

Wie fällt Ihr Ausblick für Pulp & Paper aus?

Schönbeck: Sehr gut! Dabei denke ich auch an den Trend, bei Verpackungen mehr auf die Nachhaltigkeit zu achten. Viele erdölbasierte Lösungen werden in den nächsten Jahren durch bioverträgliche, CO2-neutrale Produkte auf Basis von nachwachsenden Rohstoffen abgelöst werden.

Bei Zellstoffanlagen meldet Andritz deutlich steigende Produktivität und Ressourceneffizienz. Gilt das nur für komplett neu konzipierte Werke?

Schönbeck: Nein, auch im Zuge von Modernisierungen sind große Fortschritte möglich. Es ist natürlich eine schöne Herausforderung, wie jetzt in Chile eine ganze Anlage neu zu bauen. Dort baut Arauco an einem bestehenden Standort eine Fabrik mit 1,5 Mio. Tonnen Jahreskapazität. Wir liefern den Holzplatz, die Faserlinie mit unseren DD-Washers für die Wasch- und Bleichstufen sowie die Eindampfanlage und die Kaustifizierung. Den Kunden hat es überzeugt, dass er mit unseren Lösungen sehr viel Energie und Chemikalien sparen kann. Diese Vorteile erreichen wir auch, indem wir einzelne Anlagenteile auf den neuesten Stand der Technik bringen. Mit planerisch und technisch sauber aufgesetzten Modernisierungen lässt sich die Lebensdauer einer Anlage durchaus verdoppeln.

Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung und Automation?

Schönbeck: Die Effizienzfortschritte, die wir unseren Kunden heute zusagen können, wären ohne Industrie 4.0 oder das Industrial Internet of Things (IIoT) nicht machbar. Wir bieten mit Metris OPP (Optimization of Process Performance) ein IIoT-System, das unsere Kunden sehr wirkungsvoll bei ihren kontinuierlichen Verbesserungsprozessen unterstützt; und das ohne jegliche Investition. Metris OPP erhöht die Performance der Anlagen signifikant. Die Produktqualität oder Schwankungen im Anlagenbetrieb werden in Echtzeit analysiert. Hieraus leitet die Software konkrete Verbesserungsvorschläge ab. Der Markt nimmt das sehr gut an. Wir haben weltweit schon 50 Systeme bei unseren Kunden installiert.

Geht die Entwicklung in Richtung autonom laufender Zellstofffabriken?

Schönbeck: Ganz so weit sind wir noch nicht, doch die Entwicklung unseres Metris OPP Systems geht in diese Richtung. Die Algorithmen machen weniger Fehler als Menschen und reagieren schneller auf abweichende Parameter. So können sie den optimalen Betriebspunkt schon heute länger halten. Metris OPP verarbeitet alle Daten vor Ort. Kunden können sicher sein, dass ihre Daten nicht in allgemeine Pools einfließen, auch nicht anonymisiert…

…was Fragen rund um die Cyber-Security aufwirft. Wie antworten Sie?  

Schönbeck: Ein sehr wichtiger Punkt! Wir haben letztes Jahr eigens dafür in Israel das Joint Venture Otorio gegründet, das Cyber Security Lösungen und Services für industrielle Anlagen anbietet. Unsere Partner sind ausgewiesene Experten für Cyber Security, wir selbst bringen unser Branchenwissen ein. Die Erkenntnis über die latenten Risiken bei unseren Kunden wächst, was sich auch in reger Nachfrage nach unseren Security-Lösungen ausdrückt.

Welche Rolle spielt Ihr neues Forschungszentrum TIAC?

Schönbeck: Unser Tissue Innovation and Application Center in Graz dient als Hightech-Versuchsanlage, in der wir mit Kunden, Hochschulen und anderen Entwicklern neue energieeffizientere Prozesse für Hygienepapiere mit erhöhtem Saugvermögen entwickeln. Es ist die einzige Anlage weltweit, in der sich alle heute bekannten Technologien der Hygienepapierproduktion testen lassen – um den Einfluss einzelner Variablen in der Stoffaufbereitung, Chemikalienzugabe, Vakuumanwendung, Maschinenbespannung, beim Pressen oder der Heißluft- und Dampftrocknung zu analysieren. Die Anlage verfügt über eine komplette Stoffaufbereitung in der sich verschiedene Arten von Faserstoffen auf Basis von Lang- und Kurzfasern behandeln lassen. Wir haben damit in Graz eine Plattform geschaffen, auf der wir die Zusammenarbeit mit unseren Partnern intensivieren können. Wenn man Ideen austauscht, dann profitieren und lernen alle Beteiligten und das Innovationstempo steigt. Von dem Glauben, es allein am besten zu können, haben wir uns verabschiedet.

Hat sich Ihr Blick auf das Jahr 2030 seit dem Interview von 2016 verändert?

Schönbeck: Ich hatte gesagt, dass wir unsere führende Rolle im Zellstoffbereich ausbauen und im Hygiene- und Verpackungsbereich wachsen wollen – das gilt weiterhin. Aber ich ergänze, dass das Thema datenbasierte Prozessoptimierung mithilfe von künstlicher Intelligenz im nächsten Jahrzehnt immer wichtiger wird. Hier erleben wir eine Dynamik, die den Blick in den letzten Jahren doch deutlich verändert hat. Gleiches gilt für Plattformansätze. Das Innovationstempo nimmt rasant zu. Wir wollen immer schneller, immer besser werden!

sbr / 26.04.2019