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+++ WICHTIG +++
Wir müssen das gesamte Umfeld betrachten


Der Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer hat schwarze Zahlen geschrieben, verzichtet aber auf eine Dividende. In einem Interview mit der Börsen-Zeitung hat sich KBA-Vorstandschef Claus Bolza-Schünemann nun ausführlich zur Ausschüttungspolitik seines Unternehmens und zum geplanten Engagement in China geäußert.


Herr Bolza-Schünemann, wie lange wollen Sie noch Vorstandschef von Koenig & Bauer bleiben?

Ich bin jetzt 56. Solange der Aufsichtsrat der Meinung ist, dass ich eine ordentliche Arbeit mache, gehe ich davon aus, dass ich noch ein bisschen bleiben darf. Mein aktueller Vertrag läuft bis Ende 2013.

Auf der Hauptversammlung sind Sie mit 53,9 Prozent der Stimmen nur knapp entlastet worden. Viele Aktionäre haben kein Vertrauen mehr in Ihre Arbeit.

Ja, das macht zumindest auf den ersten Blick so den Anschein.

Für Sie kein Grund, Konsequenzen zu ziehen?

Persönlich zurzeit nein. Ich bin seit 1. November 2011 Vorstandsvorsitzender. Die HV hat für 2011 abgestimmt, also über meine ersten acht Wochen im Amt. Ob das unmittelbar mit meiner Tätigkeit zu tun hat, kann ich nicht beurteilen. Ich denke, es war eine mehr allgemeine Unzufriedenheit über die Vorschläge, die wir aus Verwaltungssicht gemacht haben, wie beispielsweise die Dividende. Ich will das nicht herunterspielen, aber es war eine Momentaufnahme, die zu dem einen oder anderen Gedanken anstößt.

Auch zu Rücktrittsgedanken?

Nein.

Sie haben für 2011 auf eine Ausschüttung verzichtet, viele Aktionäre wollten aber eine Dividende sehen. Bilanziell ist KBA doch gut aufgestellt, netto schuldenfrei und profitabel - voraussichtlich auch im laufenden Jahr. Wieso gönnen Sie den Aktionären da keine kleine Dividende?

Wir müssen das gesamte Umfeld betrachten. Wir wären nicht 195 Jahre alt geworden, wenn wir nicht auf die mittel- und langfristige Perspektive geachtet hätten. Bei uns ist das Konzernergebnis Maß der Dinge für die Ausschüttung. Und das kleine Konzernergebnis von 400 000 Euro hat uns dazu bewogen, keine Dividende vorzuschlagen, obwohl die AG ein einigermaßen ordentliches Ergebnis gezeigt hat.

Sie hätten bis zu 0,69 Euro je Aktie aus dem Bilanzgewinn der AG von gut 11 Mill. Euro ausschütten können. Wozu behalten Sie das Geld ein?

Wir wollen uns in China engagieren, das wird Geld kosten. Wir werden weitere Restrukturierungsmaßnahmen durchführen, auch das kostet Geld. Wir haben neue Produkte auf den Markt gebracht wie die Digitaldruckmaschine, die uns erheblich Geld kostet. Für die mittelfristige positive Perspektive war es durchaus sinnvoll, für 2011 auf eine Dividende zu verzichten.

Welche Ausschüttungspolitik verfolgen Sie allgemein?

Früher haben wir in der Regel ein gutes Viertel des AG-Bilanzgewinns ausgeschüttet und im vergangenen Jahr für 2010 erstmals die Hälfte des Konzerngewinns, da das Konzernergebnis für die nachhaltige Entwicklung der Gruppe entscheidend ist. Daran haben wir uns auch bei unserem Dividendenvorschlag für das zurückliegende Geschäftsjahr orientiert. Wir waren in unserer Ausschüttungspolitik immer recht konservativ. Andere haben mehr ausgeschüttet . . .

. . . Sie meinen Heidelberger Druck . . .

. . . und mussten dann Staatshilfe beantragen.

Aktionäre werfen Ihnen vor, dass Sie es versäumt haben, die Verluste im Rollenoffset zu stoppen.

Dass der Rollenoffset, und zwar sowohl Zeitungs- als auch Akzidenzdruck, seit Ausbruch der Finanzkrise kein Vergnügen mehr bereitet, ist offensichtlich. Der Markt ist extrem geschrumpft und betrug 2011 mit etwa 650 Mill. Euro nur noch ein gutes Viertel des Spitzenjahres 2005. Wir haben natürlich mit einer Kapazitätsanpassung und anderen Maßnahmen darauf reagiert, aber einen solchen Absturz verkraften Sie nicht so schnell mit internen Maßnahmen. Wir haben uns von über 2000 Beschäftigten getrennt, das Werk Frankenthal ausgegliedert. Das alles reicht aber noch nicht.

Planen Sie weitere Stellenstreichungen?

Das will ich nicht ausschließen. Wir haben inzwischen alle bisher beschlossenen Stellenstreichungen umgesetzt, auch wenn sich dies wegen entsprechender Fristen, zum Beispiel bei der Altersteilzeit, noch nicht voll in der Personalstatistik niederschlägt.

Außerdem haben Sie nach Ansicht von Aktionären versäumt, die Pleite von Manroland zu nutzen.

Das ist die Außensicht. Wir waren am Ende nicht erfolgreich. Wir haben 14 Tage vor der Insolvenz einen ernsten Kontakt zu den Eigentümern von Manroland aufgenommen und uns unmittelbar nach der Insolvenzanmeldung mit dem Insolvenzverwalter in Verbindung gesetzt. Es gab diverse Treffen in Augsburg, Offenbach und Frankfurt - auch zwischen Weihnachten und Neujahr. Wir haben schwer geackert und nichts unversucht gelassen. Am 13. Januar haben wir ein verbindliches Angebot abgegeben für einen Teil des Werkes Augsburg sowie einen kleinen Teil von Offenbach. Wir haben noch nicht einmal eine Rückmeldung bekommen, ob unser Angebot angemessen ist und ob wir vielleicht nachbessern sollten. Am Ende hatten wir mit unserem durchaus verantwortungsvollen Angebot keine Chance.

Manroland ist inzwischen in Rollenoffset und Bogenoffset aufgespalten. Wie spüren Sie den Wettbewerber jetzt im Tagesgeschäft?

Im Bogenoffset sehr wenig. Ich will nicht sagen gar nicht.

Haben Sie dem Konkurrenten Kunden abgejagt?

Wir haben im Bogenoffset in den letzten Monaten etwa 40 neue Kunden gewonnen, alles reine Manroland-Kunden, die bei uns noch nie etwas vorher gekauft haben. Im Rollenoffset hat Manroland zuletzt Aufträge gemeldet, die schon vor der Insolvenz erteilt und inzwischen bestätigt wurden. Mir ist nicht bekannt, dass ein neuer Rollenoffset-Auftrag, der 2012 nach der Insolvenz zwischen den Wettbewerbern verhandelt wurde, an Manroland gegangen ist.

Sie meinen, Manroland spielt am Markt praktisch keine Rolle mehr?

So möchte ich das nicht sagen. Manroland ist besonders im Rollenoffset nicht zu unterschätzen. Unser Mitbewerber hat sich vieler Probleme entledigt zulasten von Kunden, Lieferanten, Aktionären, Steuerzahlern und Pensionskasse. Das Unternehmen hat sich durch die Insolvenz entschuldet und seine Bilanz in Ordnung gebracht. Die Frage ist, ob die Kunden Vertrauen zur neuen Manroland haben. Das ist gerade im Investitionsgütergeschäft das Maß der Dinge. Die Kunden wollen eine gewisse Verlässlichkeit, dass der Lieferant auch in zehn Jahren noch da ist.

Sind die Manroland-Maschinen bei Qualität und Technologie auf der Höhe der Zeit?

Ja, im Rollenoffset eindeutig. Das ist nach wie vor ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Aber die Kostenstruktur, mit der Manroland arbeitet, ist günstiger als die von KBA. Davon möchte ich zunächst mal ausgehen. Genauer werden wir dies erst wissen, wenn wir um neue Aufträge konkurrieren und Manroland ihre Angebote, wie vom neuen Eigentümer angekündigt, dann hoffentlich an der tatsächlichen Kostensituation ausrichtet.

Wenig Verständnis haben die Aktionäre dafür, dass Sie im Sicherheitsdruck Geld verdienen und damit offenbar die Verluste im Rollenoffset ausgleichen.

Wir verdienen nicht nur im Sicherheitsdruck Geld, sondern in mehreren Nischen. Auch im Sicherheitsdruck sind die Margen gut.

 

Wieso weisen Sie die Zahlen des hoch profitablen Sicherheitsdrucks eigentlich nicht separat aus, sondern verstecken sie in der Sparte Rollenoffset?

Wir haben natürlich bei jedem einzelnen Auftrag eine sorgfältige Vor- und Nachkalkulation. Wir wollen aber unseren Wettbewerbern keine unnötig tiefen Einblicke in alle Detailzahlen geben und natürlich gibt es vielfältige Interdependenzen zwischen Rollen- und Sondermaschinen, die gegen eine Segmentaufteilung sprechen. Wir veröffentlichen allerdings die Ergebnisse unserer in Nischenmärkten tätigen Töchter im elektronischen Bundesanzeiger. Dort kann sie jeder nachlesen.

Was - außer der Firmentradition - spricht eigentlich dagegen, den seit vier Jahren defizitären Rollenoffset abzustoßen? Wie lange schauen Sie den Verlusten noch zu?

Wir schauen den Verlusten natürlich nicht zu, sondern ergreifen Gegenmaßnahmen. Dabei denken wir aber langfristig, denn es gab immer wieder Schwankungen innerhalb und zwischen den einzelnen Marktsegmenten. Wenn wir so kurzfristig denken würden, hätten wir vor vier Jahren den Bogenoffset und vor drei Jahren den Blechdruck aufgeben müssen. Wir hätten das Geschäft in den USA aufgeben müssen, einem der größten Druckmärkte der Welt. Ein wesentlicher Vorteil von KBA gegenüber unseren Marktbegleitern ist aber unsere deutlich breitere Aufstellung. Diese hat sich in der Branchenkrise besonders bewährt.

Wäre der Verkauf des Rollenoffsets denn denkbar, wenn Sie ein Angebot erhalten würden? Goss hat etwa angekündigt, den Rollenoffset stärken zu wollen.

Wenn ein Gebot käme, würden wir uns das mit Sicherheit anschauen. Aber bisher hat noch keiner gefragt.

Geht inzwischen auch ein Riss durch die Familie, was die Ausrichtung von KBA betrifft? Der Familienaktionär MKB hat einen Gegenantrag bei der Hauptversammlung gestellt, einzeln über die Entlastung der Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder abstimmen zu lassen.

Das ist doch legitim.

Und es lässt aufhorchen. Geht ein Riss durch die Familie?

Nein.

Meinungsverschiedenheiten?

Die gibt es doch gelegentlich in jeder Familie.

Die Frage ist, ob man sie öffentlich austragen muss. Wie eng ist der Zusammenhalt in der Familie?

Der Zusammenhalt ist gut, und es ist legitim und kein Nachteil, nicht immer gleicher Meinung zu sein.

 

Die Druckmaschinenbranche muss weiter konsolidieren. Was tun Sie dafür?

Kapazitäten anpassen. Und wir versuchen, neue Märkte zu gewinnen, wie beispielsweise im Digitaldruck.

Gibt es Gespräche mit Heidelberger Druck oder den Manroland-Nachfolgegesellschaften über Kooperationen?

Aktuell nein.

Wieso ist das so schwierig?

Jeder will seine Kapazitäten auslasten.

Suchen Sie noch Geschäftsfelder außerhalb des Druckmaschinenbaus?

Wir sondieren in einem speziellen Arbeitskreis permanent Möglichkeiten für zusätzliches Geschäft. So beschäftigen wir uns derzeit intensiver mit der Verpackungstechnik und der Verpackungslogistik.

Heidelberger Druck ist in die Wechselrichter-Fertigung für die Solarindustrie eingestiegen. Haben Sie ähnliche Pläne?

Nein. Die Fertigung von Wechselrichtern ist im Prinzip Schaltschrankbau. Wir bauen ja aus Kostengründen nicht einmal unsere eigenen Schaltschränke selbst.

Wie hoch ist der Umsatz, den Sie im Digitaldruck machen? Wie viele der gerade vorgestellten Maschinen wurden schon verkauft?

Wir haben zur Fachmesse Drupa im Mai nach nicht einmal einem Jahr Entwicklungszeit den ersten Prototyp vorgestellt und wegen noch anfallender Restarbeiten bisher bewusst noch keine Maschine verkauft. Wir sind aber optimistisch, dass wir im dritten Quartal den ersten Verkaufsabschluss haben werden. In diesem Jahr wollen wir drei Maschinen verkaufen. Je nach Ausstattung - ohne oder mit Weiterverarbeitung - kostet eine Anlage zwischen 3 Mill. und 5 Mill. Euro.

Wie kommen Ihre Planungen voran, durch einen Zukauf in die Fertigung in China einzusteigen? Diese Pläne ziehen sich ja schon ziemlich lange hin.

 

Ja, das ist ein langer Prozess. Ich hoffe, dass wir dieses Jahr in China Nägel mit Köpfen machen können.

Welche Firma haben Sie im Visier?

Das sage ich nicht. Es ist ein Druckmaschinenproduzent mit rund 700 Mitarbeitern, der vergleichsweise einfache und preisgünstige Bogenoffset-Maschinen in China fertigt und auch dort gut verkauft.

 

Das zweite Quartal, in das die Branchenmesse Drupa fiel, ist beendet. Wie lief es?

Die Zahlen gibt es am 14. August.

Wie lief die Drupa?

Die Drupa war wesentlich besser als erwartet. Wir haben 123 Maschinen verkauft, das ist schon sehr ordentlich.

Wird es trotz der Drupa-Aufwendungen für schwarze Zahlen reichen?

Da muss ich Sie noch um etwas Geduld bitten. Das Halbjahresergebnis wird jedenfalls deutlich besser als im Vorjahr, als wir 11 Mill. Euro Verlust geschrieben haben.

Als Vorstandschef sind Sie auch der erste Verkäufer der Aktie. Warum sollte man in KBA-Aktien investieren - auch wenn Sie nicht immer eine Dividende herausrücken?

Wir haben eine langfristige Perspektive und haben uns im Vergleich zum Wettbewerb . . .

. . . Sie meinen Heidelberger Druck . . .

. . . bisher sehr gut behauptet.

Wie viele KBA-Aktien halten Sie selbst?

Das sage ich nicht.

Wie viele Aktien halten Vorstand und Aufsichtsrat?

Zusammen etwa 2,3 Prozent.

Wie wird sich das Geschäft im Jahr 2012 entwickeln?

Wir gehen davon aus, im laufenden Jahr die Erlöse auf mehr als 1,2 Mrd. Euro hochzufahren und beim Ergebnis nach Steuern, das 2011 rund 400 000 Euro betrug, deutliche Fortschritte zu machen.

atz / 05.07.2012

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